DER BALL

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DER BALL
(LISCIO)

Raul bewundert seine Mutter, aber er findet auch, dass sie ein wenig verrückt ist. Dass sie als Ballsängerin unbedingt ins klassische Fach wechseln möchte, geht ja noch, aber ihre dauernd wechselnden Liebhaber nerven. Also beschließt Raul, einen Mann für sie zu suchen – einen, der bleibt und der Richtige für sie ist. Sein Musiklehrer wäre ledig, liebt klassische Musik und hat auch das richtige Alter. Raul scheut weder Mittel noch Wege, um sein Ziel zu erreichen, doch am Ende erkennt er, dass seine Mutter ein Recht auf ihre eigenen Entscheidungen hat. Und ganz nebenbei findet er heraus, wer für ihn die Richtige für den ersten Kuss ist.

Eine bezaubernde Geschichte, die durch die einfallsreiche filmische Umsetzung besticht und bis zum Schluss in Atem hält.

 

Kritik der Kinderjury

In diesem Film kann man sich als ZuschauerIn ganz in die Perspektive und Gedankenwelt von Raul hineinversetzen. Das gelingt oft ausschließlich über Bilder und Töne wie in der einprägsamen Anfangssequenz, in der wir Raul und seinen Akkordeon spielenden Großvater vor schwarzem Hintergrund in hellem Scheinwerferlicht sehen. Durch einen Schnitt auf die Begräbnis-Szene erfährt man, dass der Großvater gestorben ist, obwohl kaum ein Wort gesprochen wurde. Wie wichtig der Großvater und seine Musik für Raul sind, ist von Anfang an klar.

Dass man alles so intensiv miterlebt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass Raul seine Geschichte selbst erzählt. Seine Stimme aus dem Off berichtet und kommentiert viele Ereignisse aus seiner Wahrnehmung. Als ZuschauerIn nimmt man oft seinen Blickwinkel ein. Zum Beispiel fanden wir es sehr lustig und treffend, mittels „subjektiver Kamera“ den verschiedenen Liebhabern seiner Mutter quasi am Frühstückstisch gegenüber zu sitzen. Auch Rauls Versuche, seine Mutter mit dem Musik-Lehrer zu verkuppeln, sind originell ins Bild gesetzt. In seiner Fantasie zaubert Raul den Lehrer und seine Mutter gemeinsam an den langen Konferenztisch der Schule. Ein paar Sekunden später sitzen sie tatsächlich zusammen, weil Raul unter dem Vorwand seiner Einschreibung am Musik-Konservatorium ein Treffen eingefädelt hat. Die Kamera ist in vielen Situationen sehr nahe an den Gesichtern der Hauptfiguren. Ihrer überzeugenden Mimik kann man sich kaum entziehen. So werden auch Rauls Wut und Enttäuschung besonders deutlich. Der Darsteller von Raul ist in seiner Rolle absolut glaubwürdig. Egal ob er sich mit einem Schulkollegen prügelt oder nach einem Streit mit der Mutter wütend davon läuft und sich die Zeit am einsamen Strand vertreibt. Die Strandszenen haben uns überhaupt sehr gut gefallen. Für Raul ist es der Ort, wo er seinen Gedanken nachhängen oder seinem Ärger freien Lauf lassen kann. Aber es ist auch der Ort, an dem er Spaß hat und Freunde findet.

Bei Bildübergängen wird in diesem Film oft eine Schwarzblende eingesetzt. Man erkennt manchmal erst nach und nach die Figuren und Schauplätze. Auch Schärfe-Verlagerungen bilden in der Filmerzählung eine Art Verzögerungs-Element, um zu verdeutlichen, dass Zeit vergangen ist oder um Spannung aufzubauen. Bemerkenswert ist der feinfühlige Einsatz der Musik. Die eindringlichen Melodien und die Zusammenstellung von Akkordeon, Gitarre, Klarinette, Saxophon und Schlagzeug waren für uns ein außergewöhnliches Hörerlebnis. Abgesehen davon stellt Musik immer wieder den Zusammenhang zwischen den Bildern her (z.B. „vorgezogener Ton“) und trägt den Film vom Anfang bis zum Ende.

In gewissem Sinne ist der Film auch eine „Coming-of-Age-Geschichte“, weil Raul sich im Lauf der Handlung weiter entwickelt und dazu lernt. Das Tolle an dem Film ist außerdem, dass er keine eindeutige Botschaft vermittelt, sondern jedem Zuschauer die Freiheit lässt, sich seine eigenen Gedanken zu machen. So hieß es aus der Jury: „Das war so ein schöner Film!“, während andere Jurymitglieder Probleme hatten, sich mit der Machart des Films anzufreunden. Alle waren sich jedoch einig, dass dieser Film etwas ganz Spezielles ist, „irgendwie anders und tiefgründig“.

 

Italien 2006
77 Minuten, Farbe

Regie: Claudio Antonini
mit: Laura Morante, Antonio Catania, Umberto Morelli, u. a.

empfohlen von 8 bis 12 Jahren

Claudio Antonini
Claudio Antonini