Die Blindgänger

© Internationales Kinderfilmfestival

DIE BLINDGÄNGER

UNICEF-Preis, Internationales Kinderfilmfestival 2004

Marie und Inga sind Freundinnen, lieben Musik und haben die gleichen Sehnsüchte und Träume wie andere Mädchen ihres Alters, mit einem Unterschied. Marie und Inga sind blind. Eines Tages lernt Marie Herbert kennen, einen Jungen aus Kasachstan, der vor der Fremdenpolizei auf der Flucht ist. Die Mädchen verstecken ihn auf dem Dachboden ihres Internats und bringen ihm bei, sich wie ein Blinder in der Öffentlichkeit zu verhalten. Mit Straßenmusik wollen sie Herberts Rückreise nach Kasachstan auf einem Fernlaster verdienen, aber das verdiente Geld wird ihnen gestohlen. So entschließen sie sich, bei einem Musikwettbewerb im Fernsehen mitzumachen, um zu Geld zu kommen. Wird ihr Vorhaben gelingen?

Ein einfühlsamer Film über Freundschaft, in den ganz nebenbei das Thema Blindheit einfließt.

 

Kritik der Kinderjury

Es war sehr interessant, diesen Film nach unserer Probe-Sichtung noch einmal (und diesmal auf 35 mm und mit Publikum) zu sehen! Nicht nur wegen der Kino-Qualität hat er uns diesmal noch besser gefallen als beim ersten Mal. Wir hätten z.B. nicht erwartet, dass wir den Film durch die häufigen Lacher im Publikum (z.B. über den Portier Leo in der Kirche) diesmal als heiterer empfinden würden als bei der Probe-Sichtung.

Besonders toll war, auf wie viele Details wir uns diesmal konzentrieren konnten, weil wir den Inhalt schon kannten. Wir haben viele Sachen gesehen, die wir beim ersten Mal nicht wahrgenommen haben (und auch nicht wahrnehmen hätten können). Dazu gehört z.B., dass das schöne Lied mit dem Text von Maries Vater schon einige Male im Film vorkommt, bevor es am Ende beim Wettbewerb gesungen wird. Auch die Figur von Herbert haben wir diesmal früher erkannt und besser verstanden. So gesehen bewerten wir die Regie nun auch besser als beim letzen Mal.

Uns ist auch noch besser klar geworden, dass Marie sich an den Autounfall zurück erinnert, als man die Verkehrs- und Autogeräusche so laut hört, dass sie „richtig rein gehen“. Der Ton insgesamt und die Farbgebung in diesem Film haben uns ja schon beim ersten Mal sehr gut gefallen und dieser erste Eindruck wurde bestätigt. Lediglich wie das Lied nachsynchronisiert worden ist hat uns immer noch gestört.

Zwei Aussagen werden uns noch länger im Kopf bleiben: Auf Karls fürsorglich gemeinten Hinweis „Es ist schon dunkel draußen.“ antwortet Marie mit „Es ist immer dunkel.“ Das stimmt nachdenklich! Die zweite Aussage war lustig, obwohl sie gleichzeitig auch ein bisschen traurig ist: Inga färbt sich mit Maries Hilfe die Haare rot und Marie kommentiert das mit „Vielleicht klappt’s ja diesmal.“ Gemeint ist damit, dass es hoffentlich mit Ingas Beziehung klappt, denn bei anderen Haarfarben (und den „Guckis“, wie die Sehenden von Marie und Inga genannt werden) hat es bisher nicht geklappt.

Von Inga, die uns gut gefallen hat, weil sie alles immer sehr genau auf den Punkt bringt und vieles ganz gerade heraus sagt, hätten wir übrigens auch gerne noch gewusst, warum sie blind (geworden) ist und seit wann.

Höchstnote!!

PS: Alle weiteren erwähnenswerten Argumente könnt ihr dann auch noch in unserer Probe-Kritik nachlesen!

Probekritik der Kinderjury

Ein sehr interessanter Film, bei dem man einen guten Einblick in die Welt blinder Menschen bekommt. Im Vergleich zu kommerziellen Mainstream-Produktion vermittelt dieser Film eine eher melancholische Grundstimmung, aber es gibt auch lustige Szenen (z.B. als die Kinder, den Pförtner in der Kirche einsperren, damit sie die ganze Nacht ihre Musik proben können).

Wir finden es echt beeindruckend, wie gut die sehbehinderten jungen DarstellerInnen gespielt haben. Außerdem gelingt es dem Film oft an Kleinigkeiten das Gefühl dafür, wie sehbehinderte Menschen die Welt wahrnehmen, zu erzeugen. So waren wir zum Beispiel erstaunt über das laute Hämmern der Blinden-Schreibmaschinen. Daran erkennt man, wie laut und schrill Blinde manche Geräusche unserer Welt erleben müssen. Verblüfft hat uns auch, dass die Mädchen Dinge „sehen“, indem sie ein ganz feines Gespür für Menschen entwickeln. (Zum Beispiel erkennen sie das bauchfreie T-Shirt und die hochhackigen Schuhe einer Konkurrentin beim Musikwettbewerb).

Der Film ist auch romantisch, das war schön! Die Liebesgeschichte zwischen Maria und Herbert wird zart und überhaupt nicht kitschig erzählt. ABSATZ Besonders dramatisch ist die Szene, als Maria Herbert und Inga nach einem ganzen Tag „Arbeit“ als Straßenmusiker von Skateboardern der Geldkoffer gestohlen wird. Aber das ist sicher sehr realistisch! Zu konstruiert hingegen erschien uns die Szene, als die Blinden auf die Autobahn gegangen sind. Das ist ja reiner Irrsinn und wir glauben nicht, dass Blinde das machen würden.

Was uns weniger gefallen hat, waren einige teilweise klischeehafte Handlungselemente (Musikvideo-Wettbewerb). Ein bisschen unlogisch wirkt es auch, dass das fertige Video der Blindgänger ganz anders aussieht als die Szenen beim Drehen.

Auffallend an diesem Film ist, dass es viele „dunkle“ Szenen in der Nacht gibt - das Dunkle ist für das Thema des Films ja sehr wichtig. Im Vergleich zu anderen Filmen kommen in Die Blindgänger überhaupt wenige Farben vor. Dagegen hat das Weiß als Kontrast zur Nacht eine wichtige Rolle, weil der gesamte Film im Winter spielt.

Der Film ist angenehm ruhig und nicht schnell geschnitten. Das passt sehr gut zum Stil des Films. Es gibt viele schöne Bilder - zum Beispiel der Blick aus der Sternwarte auf den Nachthimmel - und einige tolle Einstellungen und Kamerafahrten. ABSATZ Zur Musik ist zu sagen, dass uns besonders das Lied mit dem Text von Marias verstorbenem Vater sehr gut gefallen hat. (Leider bemerkt man sehr deutlich, dass das nachsynchronisiert worden ist.)

Insgesamt können wir euch den Film sehr empfehlen!

 

Deutschland 2003
87 Minuten, Farbe

Regie: Bernd Sahling
mit: Ricarda Ramünke, Maria Rother, u. a.

empfohlen ab 9 Jahren