Boy

© New Zealand Film

BOY

1984 lebt Boy mit seiner Großmutter und deren Familie auf einer Farm in Waihau Bay. Michael Jackson ist der Größte für ihn, aber noch größer ist sein abwesender Vater, der den Moonwalk angeblich genau so gut beherrscht wie das berühmte Vorbild. Als dieser Übervater eines Tages aus dem Nichts auftaucht, scheint für Boy eine glückliche Zeit anzubrechen. Bald muss der Junge jedoch erkennen, dass sein Vater nichts mit dem Traum aus seiner Fantasie gemein hat, sondern ein Nichtsnutz ist, der den ganzen Tag nur mit seinen Kumpeln herumhängt.

Der in Berlin mit dem 1. Preis der Kinderjury ausgezeichnete Film erzählt stilsicher und mit viel Humor eine Geschichte über das Erwachsenwerden und gibt Einblick in das Leben der neuseeländischen Ureinwohner.

 

Kritik der Kinderjury

Der neuseeländische Beitrag des Kinderfilmfestivals hat die Jury sehr beeindruckt. Ein kritischer Film, der zeigt, was es alles an Kinderschicksalen auf der Welt gibt. Besonders gelungen fanden wir, wie sich Ernst und Heiterkeit in diesem Film die Waage halten. Schon die Einleitung des Films ist super ausgedacht und verrät viel von dem originellen Humor, mit dem Boys Geschichte erzählt wird. Boy stellt sich in seiner Klasse und gleichzeitig beim Filmpublikum vor. Sein Bericht über den Vater wird wie ein lebendiger Comic nachgestellt. Besonders witzig: Alamain bricht mit Hilfe eines Suppenlöffels aus dem Gefängnis aus und verwendet ihn als Waffe gegen die Polizisten. Hier schöpft man bereits Verdacht, dass da nicht alles stimmen kann. Boy schafft sich mit seiner Fantasie eine andere Welt, damit er die Wirklichkeit verkraften kann. Zum Beispiel sieht er die Prügelei, die sich sein Vater mit einer anderen Straßengang liefert, als Tanz-Videoclip. Diese Szenen sind durch ein besonderes Licht, den Einsatz von Zeitlupe und langsamer Popmusik gekennzeichnet. Überhaupt arbeitet der Film mit vielen lustigen Zitaten aus der Popkultur der 1980er Jahre, von denen wir einige (Michael Jackson) erkannt haben.

Rocky, Boys kleiner Bruder, ist eine wichtige Figur in dem Film. Sein Glaube an die eigenen magischen Kräfte ist filmisch gut dargestellt. Immer wenn Rocky denkt, Dinge bewusst beeinflussen zu können, passiert zufällig tatsächlich etwas. Zum Beispiel als der "Beklopfte" stolpert. Besonders kreativ und überzeugend fanden wir die Idee mit den animierten Kinderzeichnungen, die Rockys Gedanken widerspiegeln. Einmal lässt er zum Beispiel den Schulbus verunglücken, ein anderes Mal verwandelt sich die tote Maus am Grab der Mutter in einen Vogel, und auch die Erkenntnis, dass sein Vater um die Mutter trauert, ist in einer Kinderzeichnung zu sehen.

Besonders nahe gegangen ist uns die Geschichte mit der überfahrenen Ziege. Sie ist der Auslöser für Boy, sich der Wahrheit zu stellen und seinem Vater die Meinung zu sagen.

Man könnte dem Film vorwerfen, er sei zu brutal, doch die Gewalt in diesem Film ist Teil der ganzen Erzählung. Man kann verstehen, warum Boy so wütend auf seinen Vater ist, und ihm ins Gesicht schlägt. Auch wenn sich Boys Vater unmöglich verhält, so gibt es doch Momente, wo man merkt, dass er seine Kinder liebt. Sehr berührend war in dieser Hinsicht die Szene, in der Alamain bei Boy ans Fenster klopft und sich für seinen Wutausbruch entschuldigt.

Die Kamera hat wunderschöne Bilder von der neuseeländischen Landschaft eingefangen, und es gibt tolle Bildübergänge. Zum Beispiel die Szene, als die Jungen im Dunkeln nach der angefahrenen Ziege suchen. Vor schwarzem Hintergrund blenden zuerst nur die grellen Lichtkegel der Taschenlampen, bevor die nächtliche Landstraße sichtbar wird.

Die Geschichte und die Entwicklung der Handlung waren sehr gut ausgedacht. Die Figuren sind interessante Charaktere, die gut hinein passen. Und auch das offene Ende passt zu diesem Film. Es zwingt uns als ZuschauerInnen, darüber nachzudenken, was damit gemeint ist und wie die Geschichte weiter gehen könnte. Viele Fragen hat dabei der Dialog am Grab der Mutter aufgeworfen, als Rocky den Vater fragt, wie es in Japan gewesen sei. So verbindet auch der Schluss des Films Realität, Humor und Fantasie auf unverwechselbare Weise.

 

Neuseeland 2010
87 Minuten, Farbe

Regie: Taika Waititi
mit: James Rolleston, Te Aho Eketone-Whitu, Taika Waititi, u. a.

empfohlen von 9 bis 14 Jahren

Taika Waititi
Taika Waititi