Hände hoch! © Emilie de la Hosseraye, Les films du Losange

© Emilie de la Hosseraye, Les films du Losange

HÄNDE HOCH!
(LES MAINS EN L'AIR)

UNICEF-Preis Internationales Kinderfilmfestival 2010

Im Keller eines Pariser Wohnhauses haben sich Milena, Blaise, Alice, Claudio, Ali und Youssef eine Welt für sich eingerichtet, zu der Erwachsene keinen Zutritt haben. Eines Tages verschwindet Youssef – seine Familie wird aus Frankreich abgeschoben. Milena, die aus Tschetschenien stammt und keine gültigen Papiere hat, könnte die nächste sein. Sie findet Unterschlupf bei den Eltern von Blaise und Alice, aber als täglich ein neuer Fall von Abschiebung und Flucht bekannt wird, verschärft sich die Situation. Da nehmen die Kinder ihr Schicksal in die eigenen Hände.

Durch seine zurückhaltende und doch kunstvolle Inszenierung gelingt Romain Goupil das Kunststück, die Geschichte einer drohenden Abschiebung unaufdringlich und eindrücklich zugleich zu erzählen.

 

Kritik der Kinderjury

Wir waren begeistert, wie sich die Kinder in dieser Geschichte selbst organisieren. Das Thema Abschiebung in einem Kinderfilm aufzugreifen, halten wir für eine wichtige Idee. Beeindruckt hat uns dabei, wie realistisch die Situationen in der Geschichte ausgedacht und inszeniert sind. Die Handlung wird sehr gut und verständlich erzählt. Man weiß immer, was nacheinander passiert. Auch die Rahmenhandlung, in der Milana ihre Erlebnisse aus ihrer Sicht als alte Frau kommentiert, ist sehr ansprechend. Wir fanden es gut, dass die Welt der Erwachsenen nicht beschönigt wird und in einer Szene auch die harten Methoden der Fremdenpolizei gezeigt wurden. Die Beamten schüchtern Ali ein, um ein Geständnis über das Versteck der Kinder zu erpressen.

Die Kindergruppe hat super zusammengepasst. Die jungen DarstellerInnen waren für ihre Rollen sehr sorgfältig ausgewählt und haben toll gespielt. Ihre Natürlichkeit hat vieles zur der Glaubwürdigkeit dieses Films beigetragen. Die Kamera nimmt oft die Position in Augenhöhe der Kinder ein, und wir hatten das Gefühl, dass die Geschichte größtenteils aus der Perspektive der Kinder erzählt ist. In Sequenzen, wo nur die Kinder vorkommen, ist man als ZuschauerIn ganz nahe bei ihnen. Es gelingt dem Film besonders gut, die Gefühle der Figuren und Stimmungen nachvollziehbar zu machen. Wir verstehen Milanas Schuldgefühle, weil sie mit der Gastfamilie auf Urlaub fahren darf und sich dort so wohl fühlt, wie vielleicht noch nie in ihrem Leben, wenn sie sagt: "Ich fühlte mich schlecht, weil es mir gut ging. Weil ich glücklich war. Ich schämte mich."

Für die Liebesgeschichte zwischen ihr und Blaise hat der Film sehr poetische Bilder gefunden, etwa in der Szene, in der die beiden hinter verregneten Fensterscheiben miteinander sprechen und Blicke tauschen. Ebenso sind die Gefühle der Erwachsenen verständlich und authentisch. Man erlebt ihre Sorgen, beobachtet die Meinungs-verschiedenheiten von Blaises und Alices Eltern, spürt die Angst von Milanas Mutter.

Einige Alltagsszenen lassen uns das Lebensgefühl in Frankreich miterleben. Zum Beispiel, als sie Krebse sammeln und die Tiere noch lebend in die Pfanne oder den Kochtopf geworfen werden. Ziemlich grausam fanden wir auch, dass Blaise für das bekannte "Sie liebt mich, sie liebt mich nicht"-Spiel eine Heuschrecke zerpflückt hat!

Trotz des ernsten Themas hat der Film Leichtigkeit. Es ist zum Beispiel unterhaltsam, wie erfinderisch und kreativ die Kinder in Spiel und Ernst sind. Sie entwickeln einen eigenen Geheimcode und stellen ihre Handys auf einen Klingelton ein, dessen Frequenz nur Kinder hören können. In ihrem Kellerversteck freunden sie sich mit einer Ratte an. Ihre Rattenbabys waren ursüß! Blaises kleine Schwester Alice darf überall mit, obwohl sie erst acht ist, toll, dass sie von den Großen nicht ausgeschlossen wurde.

Hervorhebenswert ist auch die Musik in dem Film: Einerseits das Wiegenlied von Milanas Mutter, das mehrmals sehr schön eingesetzt ist und andererseits das außergewöhnliche Cello-Motiv.

Viel diskutiert wurde die Schluss-Sequenz, in der Milana und Blaise alt geworden sind und rückblickend unterschiedliche Erinnerungen berichten. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage nach einem Happy End gestellt. Einige aus der Jury hätten sich gewünscht, Blaise und Milana hätten einander irgendwann wieder gesehen. Insgesamt fanden wir aber den offenen Schluss, der mehrere Deutungen zulässt, sehr passend.

 

Preisbegründung der Kinderjury (UNICEF-Preis)

Uns gefällt, wie realistisch und einfühlsam dieser Film das höchst aktuelle Thema Abschiebung behandelt. Wir finden es wichtig, dass diese Problematik auch einmal in einem Kinderfilm aufgegriffen wird. Uns gefiel die Idee mit der Rahmenhandlung, in der Milana ihre Erlebnisse aus ihrer Sicht als ältere Frau kommentiert. Wir denken, dass jeder Mensch gleich viel zählt, egal woher sie oder er kommt. Für uns war es brutal zu sehen, wie die Politik bestimmt, wer abgeschoben wird. Milana ist bereits voll integriert, und sie soll nur wegen ihrer fehlenden Papiere abgeschoben werden. Es ist toll, wie die Kinder zusammenhelfen und die Sache selbst in die Hand nehmen. Bei ihrem Verschwinden hinterlassen sie die Botschaft: "Wir alle sind Milana."

 

Frankreich 2010
90 Minuten, Farbe

Regie: Romain Goupil
mit: Linda Doudaeva, Jules Ritmanic, Valeria Bruni-Tedeschi, u. a.

empfohlen von 9 bis 14 Jahren

Romain Goupil
Romain Goupil