IM NAMEN DER TOCHTER © The Match Factory

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IM NAMEN DER TOCHTER
(EN EL NOMBRE DE LA HIJA)

UNICEF-Preis Internationales Kinderfilmfestival 2012

Karl Marx' berühmtes Zitat "Religion ist Opium für das Volk" ist nur eine der ungewöhnlichen Ideen, mit denen Manuela ihre streng katholischen Großeltern konfrontiert, auf deren Gutshof sie und ihr kleiner Bruder die Ferien verbringen. Erzogen im sozialistischen Geiste ihres Vaters, ereifert sich die Neunjährige unermüdlich, um ihren Cousins die Grundprinzipien des Kommunismus beizubringen. Natürlich befindet sich die Großmutter ob so vieler schlechter Einflüsse bald in höchster Alarmbereitschaft, aber wer von den beiden wird am Ende die Stärkere sein?

Konsequent aus der Kinderperspektive erzählt, beschreibt der Film mit einem ironischen Unterton die Erlebnisse eines Sommers in Ecuador in den 1970er Jahren.

 

Kritik der Kinderjury

Bei diesem Film ist die Besetzung auffällig gut. Das Mädchen, das die Hauptfigur der "Manuela" spielt, passt so genau zu ihrer Rolle, dass wir uns dafür niemanden Besseren hätten vorstellen können. Sie spielt selbstbewusst und sympathisch, und man nimmt ihr die "Kämpferin für die Entrechteten" (Indígena-Bub Pepe, Onkel Felipe) wirklich ab. Ihr jüngerer Bruder, der auch im Film ihren kleinen Bruder "Camilo" darstellt, ist ebenfalls ganz toll, denn er spielt total natürlich – und er hat die lustigsten Dialoge! Er nennt z. B. den kleinen Hund "Zapatito" ("kleiner Schuh"), weil nur mehr einer (von zweien) übrig ist. Oder er beruhigt Manuela in der Kirche wegen ihres Taufnamens damit, dass "eh alles nur eine Erfindung" ist. Camilo und Manuela sind auch die einzigen der vielen Kinder, die keinen Bet-Polster mit eingesticktem Namen haben, das war witzig.

Manuela bekommt von Onkel Felipe den Namen Alicia, was sich auf das Buch "Alice hinter den Spiegeln" von Lewis Carroll bezieht. Spiegel spielen in diesem Film öfter eine Rolle. Besonders schön fanden wir die Idee mit der Schachtel, die Manuela von Onkel Felipe erhält und in der sich angeblich ihr richtiger Name befindet. Als sie die Schachtel gegen die Wand wirft, um sie zu öffnen, schneidet sie sich an den Scherben des Spiegels, der drinnen war. Mit ihrem blutigen Finger "malt" sie auf die erste Seite ihres neuen Tagebuchs, in das sie davor noch nicht so wirklich hineinschreiben konnte – ein starker Auftakt für ein Tagebuch! Manuela, die auch keine typische Mädchenkleidung (aber dafür viel rotes Gewand!) trägt, schreibt ihrem Vater (in Gedanken?) Briefe, d. h. wir konnten uns immer sehr gut in ihre Lage hineinversetzen. Es war auch nett von ihr, dass sie am Ende ihre beiden Pionierinnen-Puppen ihrer Kusine María Paz schenkt.

Obwohl der Film ab dem Zeitpunkt, als Onkel Felipe auftaucht, einen deutlichen Bruch in der Handlung hat, bleibt die Spannung immer erhalten und wir sind gut am Film dran geblieben. Einen kurzen Schreckmoment gibt es in der Szene, in der man zuerst nur Onkel Felipes Fuß sieht, bevor er zur Gänze ins Bild kommt, aber auch die Präparate (Fötus!) und die Schrumpfköpfe in der Bibliothek waren ein wenig gruselig.

Die Kamera fängt schöne Bilder von der ecuadorianischen Landschaft ein, u.a. bei der Verarbeitung von Zuckerrohr. Auch als die Kinder zu viert traurig zwischen den Säulen der Balustrade der Terrasse hindurchschauen, als Onkel Felipe abgeholt wird, ist das ein gelungenes Bild, das man sich merkt. Bei der Musik ist uns aufgefallen, dass ein Motiv immer wieder in verschiedenen Orchestrierungen (Streicher, Chor) vorkommt. Jedenfalls hat die Musik immer sehr gut zur Stimmung gepasst, z. B. gab es, wenn es spannend wurde, immer so eine Art tiefe Trommel.

Das Ende des Films kommt zwar ein bisschen plötzlich, denn zuerst haben wir die Eltern von Manuela und Camilo bzw. deren Auto gar nicht erkannt, aber eigentlich passt es mit dem letzten Blick zurück auf das Haus, in dem sie die Sommerferien verbracht haben, auch wieder ganz gut.

Ein Blick in eine andere Welt, in eine andere Zeit – mit einem tollen Mädchen als Hauptfigur, das mit den anderen Kindern nie wieder einen Hungerstreik machen möchte, das aber ganz bestimmt weiterhin mutig für ihre Anliegen kämpfen wird!

 

Ecuador 2011
100 Minuten, Farbe

Regie: Tania Hermida
mit: Eva Mayu Mecham, Markus Mecham, Pancho Aguirre, u. a.

empfohlen von 8 bis 12 Jahren

Tania Hermida
Tania Hermida