KAUWBOY Bild: Daniël Bouquet

© Daniël Bouquet

KAUWBOY

UNICEF-Preis (Lobende Erwähnung) Internationales Kinderfilmfestival 2012

Als Jojo im Wald ein verstoßenes Dohlenküken findet, nimmt er es mit nach Hause und zieht es heimlich auf. Im Umsorgen des kleinen Vogels, der noch schutzloser ist als er selbst, findet er den Trost und die Zärtlichkeit, die ihm der Vater nicht geben kann. Der ist verschlossen und unberechenbar geworden, seit Jojos Mutter weg ist. Auch Jojo hat sich in seine eigene Welt zurückgezogen und hält an einer Vergangenheit fest, die es womöglich nicht mehr gibt. Da tritt das Mädchen Yenthe in sein Leben, und Jojo beginnt, sich langsam für die Wahrheit und die Zukunft zu öffnen.

Eine berührende Erzählung über die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn, die beide zu sehr leiden, um sich gegenseitig helfen zu können, und erst durch eine dramatische Situation zueinander finden.

 

Kritik der Kinderjury

Dieser Film ist uns sehr nahe gegangen, so nahe, dass die ersten Reaktionen zuerst ablehnend ausfielen. Denn weder Jojo noch sein Vater sind besonders sympathische Figuren. Jojos Vater ist verschlossen, grantig und unberechenbar wütend. Gemeinsam mit Jojo kriegt man Angst vor seinen Wutausbrüchen, wenn Jojo im Kinderzimmer sitzt und auf die polternden Schritte seines Vaters horcht. Der Vater ist fast nie im Bild. Man sieht nur seine Hände, seinen Körper, es gibt selten Blickkontakt zwischen den beiden. Sehr gut gefilmt ist zum Beispiel auch die Rauferei, die Jojo mit seinem Vater spielerisch anzettelt und die ziemlich heftig wird.

Jojos Freundschaft zu der jungen Dohle ist berührend. Die Szenen mit ihr sind sehr schön ins Bild gesetzt, und man kann sich in die ungewöhnliche Tierfreundschaft sehr gut einfühlen. Ebenso kann man sich in Jojos Gedankenwelt hinein versetzen, wenn er sich weigert, den Tod seiner Mutter zu akzeptieren. Seine fantasierten Telefongespräche mit der Mutter sind seine Art und Weise, mit ihrem Tod fertig zu werden.

Die Kamera ist bei diesem Film ein ganz wichtiges Instrument, um Gefühle zu transportieren und Spannung zu erzeugen. Die Szene, als Jojo die junge Dohle wieder ins Nest zurücksetzen möchte und auf den Baum klettert, war sehr spannend. Der Blick aus der Perspektive von Jojo aus der Baumkrone in das Geäst hinunter vermittelt, wie tief der kleine Vogel gestürzt ist. Die Unterwasseraufnahmen von den Wasserballszenen haben uns besonders beeindruckt, weil auch der Ton das Gefühl, unter Wasser zu sein, noch verdichtet hat. Immer wieder gibt es Sequenzen, in denen die Zeitlupe zum Einsatz kommt, besonders dann, wenn es darum geht, Jojos Freude oder auch seine Angst und Trauer auszudrücken.

Yenthe, das Mädchen aus der Wasserballmannschaft, ist eine besonders positive Figur, die eine zunehmend wichtige Bedeutung für Jojo gewinnt. Hier findet die Regie tolle Bilder, um die wachsende Zuneigung von Jojo und Yenthe zu zeigen. Warum sonst hätte er den blauen Kaugummi, den Yenthe unter die Bank klebt, in den Mund gesteckt und weiter gekaut? Wir fanden das ein wenig eklig! Aber ein gutes Bild. Die Szene, als Jojo und Yenthe gemeinsam durch das hohe Gras laufen, hat uns in Verbindung mit der schönen Musik sehr gut gefallen, weil die Kamera mitten durchs Gras streift und die Lauf-Bewegung der Kinder einfängt.

Besonders hervorheben wollen wir bei diesem Film den Ton und die Musik. Es ist unserer Meinung nach gut, dass die Bilder oft für sich alleine sprechen und die Dialoge manchmal sehr sparsam sind. Uns ist auch aufgefallen, dass Geräusche und die Texte der Songs eine wichtige Funktion für die Filmerzählung haben. Mutters Lied wird mehrfach eingespielt, wenn Jojo sich an sie erinnert, und es hat etwas mit dem Thema Freiheit zu tun, um das es in diesem Film auf mehreren Ebenen geht: Etwa bei der Frage, ob es nicht besser wäre, die kleine Dohle in Freiheit leben zu lassen, aber auch im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter, ob Jojo ihr die Freiheit geben kann, zu gehen. Dass er und sein Vater es geschafft haben, wird am Schluss bei dem traurigen, aber schönen Begräbnis des Vogels sichtbar.

 

Niederlande 2012
81 Minuten, Farbe

Regie: Boudewijn Koole
mit: Rick Lens, Loek Peters, Hüseyin Cahit Ölmez, Susan Radder, u. a.

empfohlen von 10 bis 14 Jahren

Boudewijn Koole
Boudewijn Koole
Wineke Onstewedder