Kleine Geheimnisse

© Poool Filmverleih

KLEINE GEHEIMNISSE
(PERL ODER PICA)

Norbis Vater ist ein ehrenwerter Bürger der kleinen Stadt, in der die Familie lebt, und immer auf sein Ansehen bedacht. Als Patriarch, der seine Lieben auf Schritt und Tritt kontrolliert, hat er strenge Prinzipien. Da gibt es keine langen Haare und kein zu spätes Auftauchen beim Abendessen. Zuwiderhandeln wird sofort bestraft – wenn es sein muss, mit der Peitsche. Wenn man dann noch jede Nacht das Bett einnässt und tagtäglich von seinen Mitschülern gehänselt wird, weil man am Sonntag in der Kirche ministriert, hat man es als heranwachsender Jugendlicher wirklich nicht leicht. Aber wie soll man sich aus dem kleinbürgerlichen Teufelskreis befreien?

Die FilmemacherInnen haben das Ambiente und die Kostüme der 60er Jahre mit sehr viel Sorgfalt rekonstruiert und das leicht verstaubte Luxemburg jener Zeit geschickt in Szene gesetzt.

 

Kritik der Kinderjury

 

Kritik der Kinderjury

"Jetzt müsste die Zeit still stehen. Aber die Uhr hält immer zu meinem Vater", denkt der 12-jährige Norbi, als er sich zum Essen verspätet. Ein Blick auf die Wanduhr und schon ist man mitten in der Geschichte. Einer Geschichte, die für uns ein wenig fremd und verwirrend war. Wir hatten Schwierigkeiten, den strengen Erziehungsstil von Norbis Vater zu verstehen, und vor allem Norbis Reaktionen darauf, weil er die Schläge einfach hinnimmt. Außerdem war die Sache mit den Nazis und den Gelbhemden für uns nicht ganz verständlich. Irgendwie war vieles für uns zu durcheinander und die Zusammenhänge haben oft nicht gepasst.

Neben dieser kritischen Haltung gab es aber auch viel positives Feedback. Immerhin vergab die Kinderjury einen Extra-Punkt für die schöne und liebevolle Ausstattung. Die Kamera fängt viele Bilder von der damaligen Zeit ein, das Klassenzimmer, die kleinen Schulranzen, die Wohnungseinrichtung, Kleidung, Straßenbilder, Autos usw. Dadurch bekommt man ein gutes Gefühl für die Zeit, in der der Film spielt. Zum Beispiel, als Norbi von seiner schicken Tante eine rote Windjacke aus Amerika geschenkt bekommt, ist die ein richtiger Farbklecks im Vergleich zu den grauen, braunen und dunkelblauen Sachen, die alle anderen anhaben. Vieles, was neu ist, hat in dem Film knallige Farben, auch das Kofferradio ist rot. Auch Musik und Ton helfen geschickt mit, dass sich die ZuschauerInnen gut in die 60er Jahre hineinversetzen können.

Einige JurorInnen hat es gestört, dass der Film keinen richtigen Höhepunkt hatte, sondern mit vielen einzelnen Szenen einen Ausschnitt aus Norbis Leben und der damaligen Zeit erzählt. Einige Szenen haben vielen sehr gut gefallen: Zum Beispiel als Norbi die Auslage mit Oster-Schmuck dekoriert und Fred vor dem Schaufenster steht. Andere Szenen waren für viele unverständlich, wie die Szene im Keller, als Norbi die „Bounty“ nachbaut und Besuch von Fred bekommt. Der Dialog, in dem Fred über die Nazi-Vergangenheit spricht, war für uns nicht nachvollziehbar. Die Szene mit den Nonnen, die im Geschäft von Norbis Vater eine Schreibmaschine kaufen wollen, fanden einige total lustig, andere wieder total doof. Und die Szene, als die Eltern mit Norbi ein peinliches Aufklärungsgespräch führen, haben alle recht absurd und witzig gefunden. Der seltsamen Heilpraktiker mit dem langen Bart und dem Pendel war für einige richtig gruselig.

Viel gerätselt wurde über die Vater-Figur. Denn einerseits ist Norbis Vater unsympathisch und unverständlich streng. Er prügelt Norbi, weil er die Suppe nicht aufisst. Andererseits ist er, als Norbi wirklich etwas Arges anstellt, völlig verdattert. Diese Veränderung von Schwarz auf Weiß war für einige nicht glaubwürdig.

Gut fanden wir, dass sich Norbi im Laufe der Geschichte immer mehr auflehnt und mit seiner Schwester gegen den väterlichen Haus-Tyrann zusammenhält. Dass er schließlich auch das Geheimnis um das rätselhafte "P" in Vaters Buchhaltung lüftet, war zu erwarten, aber von der Auflösung her ein wenig konstruiert.

 

Luxemburg/Österreich
2006 87 Minuten, Farbe

Regie: Pol Cruchten

mit: Ben Hoscheit, André Jung, Nicole Max, Anouk Wagener, u. a.

empfohlen ab 11 Jahren