KOPFÜBER

© Neue Mediopolis Filmproduktion

KOPFÜBER

UNICEF-Preis, Internationales Kinderfilmfestival 2013

Sascha hat es zu Hause nicht leicht und auch sonst überall Schwierigkeiten. Er stiehlt, lügt, gerät schnell in Wut und hält sich nicht an Vereinbarungen. Er kann kaum lesen und schreiben und sich nicht lange auf etwas konzentrieren. Wenn er jedoch mit seiner Freundin Elli durch die Gegend streift und Geräusche aufnimmt, fühlt er sich wohl. Hilfe bekommt Sascha durch einen Sozialarbeiter, und eine Ärztin verschreibt ihm ein Medikament gegen ADHS. Plötzlich ist der Junge brav und erledigt folgsam seine Aufgaben. Alle freuen sich, aber Elli fällt auf, dass Sascha nicht mehr richtig lachen kann . . .

Behutsam tastet sich der Film an das Problem ADHS heran, ohne zu werten, jedoch unter genauer Beobachtung der Umstände, innerhalb derer sich Sascha bewegt.

 

Kritik der Kinderjury

Dieser Film ist so authentisch und die Hauptfigur so glaubwürdig, dass sich einige Jury-Mitglieder sogar für Sascha schämen mussten, wenn er wieder einmal etwas angestellt hat – so sehr konnten wir mit ihm „mitleben“! Es passt für uns auch, dass der Film nicht so lustig ist, obwohl es schon ein paar humorvolle Stellen gibt. Aber das Thema ist ja eher ernst und bestimmt keine ganz einfache Kost, aber genau das finden wir auch gut. Das Schicksal von Sascha ist uns sehr nahe gegangen, und dadurch ist der Film von Anfang bis Ende spannend. Außerdem geht es sehr stark um Kinderrechte (Recht auf Versorgung, Schutz und Selbstbestimmung).

Die Freundschaft von Sascha und Elli wird sehr schön gezeigt. Wie sich die beiden wortlos verständigen, wenn sie die Geräusche aufnehmen, oder wie sie zwischen ihren beiden Hochhaus-Türmen hin und her kommunizieren, das war wirklich toll inszeniert. Durch Saschas Medikamenten-Einnahme muss ihre Freundschaft aber auch einen Tiefpunkt „überleben“. Da er aufgrund seines engen Zeitplans mit Therapie, Nachhilfe und Ärztin keine Zeit mehr für sie hat, wird es schwierig. Wir konnten uns daher auch sehr gut in Elli hineinversetzen, die auch traurig darüber ist, dass Sascha nicht mehr lachen kann.

Die Geschichte mit dem Geräusche sammeln als Hobby der beiden ist ungewöhnlich, eine sehr nette und überdies sehr filmische Idee. Wegen der Geräusche gibt es nämlich keine Filmmusik – die ist unserer Meinung nach auch gar nicht nötig, weil sie eigentlich durch die Geräusche ersetzt wird.

Der Drehort Jena, die Baustellen und die Tunnel, wo Sascha und Elli ihre Geräusche sammeln, haben uns übrigens sehr gut gefallen.

Besonders gut nachvollziehbar war für uns auch die Szene, als Sascha die Scheibe des Eissalons einwirft, als er drinnen seinen „Erziehungsbeistand“ Frank mit einem neuen Kind sieht. Seine Wut, die sich schon davor aufzustauen begonnen hat (Zeugnis usw.), bricht sich hier mit voller Wucht ihre Bahn. Diese Szene wird ganz ohne Worte erzählt, eine weitere Qualität dieses Films. Viel wird nur über die Bilder erzählt und braucht gar keine Dialoge. Ein paar sehr bildhafte Ausdrücke, wie z.B. Saschas Aussage, dass er „Buchstabensuppe im Kopf“ (= ADHS) hat, gibt es aber doch.

Mit dem Ende hatten einige von uns ein wenig Probleme. Es ist sehr offen, und wir hätten z.B. gerne noch gesehen, wie es mit Sascha und Frank weitergeht oder was das Endergebnis des Geräusche-Sammelns ist. Auch bei dem Titel sind wir uns nicht ganz sicher, auf was er sich alles bezieht. Auf jeden Fall hat es etwas mit der Szene zu tun, als Elli versucht, Sascha „kopfüber lesen“ beizubringen.

Wirklich erstaunlich für uns ist, dass dieser Film auf wahren Erlebnissen des Regisseurs Bernd Sahling beruht. Es gibt nicht viele Filme, die den Mut haben, solche Geschichten (nicht nur für Kinder) zu erzählen, dabei ist gerade das auch das Gute. Wenn ihr gerne realistische, lebensnahe Filme mit echten Problemen seht, dann seid ihr bei diesem feinfühlig erzählten Film genau richtig!

 

Deutschland 2012
90 Minuten, Farbe

Regie: Bernd Sahling
mit: Marcel Hoffmann, Inka Friedrich, Frieda-Anna Lehmann u. a.

empfohlen von
9 bis 14 Jahren

Bernd Sahling
Bernd Sahling