MEIN PAPA IST BARYSHNIKOV

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MEIN PAPA IST BARYSHNIKOV
(MOY PAPA BARYSHNIKOV)

Borya treibt in der Zeit der Perestroika als ungelenker Ballettschüler am Bolshoi Theater sein Unwesen. Im Jahr 1986 hält die Rockmusik auch auf den Straßen von Moskau Einzug, und Jeans vom Schwarzmarkt sind das beste Mittel, um in coolen Kreisen akzeptiert zu werden. Wenn man dann noch mit der Behauptung aufwarten kann, dass man Mikhail Baryshnikov, einen der berühmtesten russischen Balletttänzer, zum Vater hat, sind der Popularität keine Grenzen mehr gesetzt. Aber natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Traumgebilde wie eine Seifenblase zerplatzt.

Komisch und herzerwärmend liefert dieser Film das berührende Stimmungsbild einer Zeit, in der die russischen Wohnzimmer noch eng und dunkel und ein richtiger Mann einer war, der Fleisch auf den Tisch brachte.

 

Kritik der Kinderjury

Boris erinnert sich als erwachsener Mann an seine Kindheit im Moskau der 1980er Jahre. Den erwachsenen Boris sieht man nie, wir hören ihn nur als Erzähler aus dem Off und wissen dadurch, dass die Geschichte lange zurückliegt. Mit vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die für uns nicht so leicht vorstellbar ist. Denn wir kennen keine Lebensmittel-knappheit mit Menschenschlangen vor den Geschäften und halten es für übertrieben, wenn ein Schüler oder eine Schülerin wegen schlecht sitzender Kleidung und Laufen auf dem Gang gemaßregelt wird. Für Boris sind diese Erfahrungen ganz normaler Alltag. Er schlägt sich durch, auch wenn er in seiner Klasse an der weltberühmten Schule des Bolschoi-Balletts als Kleinster kein leichtes Leben hat. Teilweise fanden wir Boris' Tollpatschigkeit sehr unterhaltsam, teilweise hat er uns als ewiger Verlierer auch leid getan, weil er von seinen MitschülerInnen ganz schön gemobbt wird. Zum Beispiel in der Szene, in der Boris von seinen Kollegen in einen Teppich eingewickelt und wie ein Paket auf dem Kleider-Spind abgelegt wird. Der jungen Schauspieler Dimitry Visubenko hat uns in seiner Rolle als Boris echt begeistert, weil er fantastisch spielt und als Typ perfekt gepasst hat.

Der Film berichtet uns über die damalige Zeit, dass Kinder wenig Rechte und nicht viel zu sagen hatten. Sie müssen gehorchen und in der Schule und zu Hause mithelfen. Unglaublich, dass sie im Unterricht lernen, ein Gewehr zusammen zu setzen und eine Gasmaske anzulegen! In der Ballettschule herrscht eiserne Disziplin. Für Staatsbesuche aus dem Ausland wird geprobt bis zum Umfallen.

Bemerkenswert ist, dass der Film neben der Haupthandlung mehrere interessante Nebengeschichten erzählt. Etwa Boris' heimliche Handel- und Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt, seine Schwärmerei für die unerreichbare Klassenschönheit Marina und die Besuche bei den Großeltern. Diese Szenen in der engen kleinen Wohnung haben wir sehr gemocht, die Großeltern sind sehr lustige und liebenswerte Figuren. Hier fällt auch der Hinweis auf die sogenannte Amnestie, also die Begnadigung von Gefangenen, die, wie wir später erfahren, auch für Boris' Vater eine Heimkehr aus der Haft ermöglicht. Allerdings fanden wir es ein wenig schade, dass sein echter Vater erst so spät in der Geschichte auftaucht.

Interessant und filmisch toll umgesetzt fanden wir die Ballettsequenzen. Das harte Training wird in Großaufnahmen gezeigt, ohne Worte, nur verstärkt durch Musik. Schöne Bilder liefert uns die Kamera auch von dem kreisrunden Wohnbau, einmal bei Nacht, einmal bei Tageslicht. Und der Blick durchs Fenster, hinein in die kleine Wohnung, wo Boris, unter dem blinkenden Licht einer selbst gebastelten Disco-Kugel tanzt, hat uns gut gefallen.

Abgesehen davon, dass wir uns ein Happy End mit einer erfolgreichen Tanzkarriere für Boris gewünscht hätten, können wir den Film als Blick hinter die Kulissen einer weltberühmten Ballettschule und in die Alltagswelt der jüngeren russischen Vergangenheit wärmstens empfehlen!

 

Russland 2011
88 Minuten, Farbe

Regie: Dmitry Povolotsky
mit: Dmitry Vyskubenko, Anna Mikhalkova, Anatoly Kot, u. a.

empfohlen von 9 bis 14 Jahren

Dmitry Povolotsky
Dmitry Povolotsky