NATURKUNDE

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NATURKUNDE
(CIENCIAS NATURALES)

Lilas einziger Wunsch ist, ihren Vater zu finden, von dem sie nicht einmal den Namen kennt. Alles, was sie hat, ist die rostige Firmenplakette eines verwitterten Antennenmasts, den ihr Vater errichtet haben soll. Beim Versuch, aus dem Schulheim auszureißen, in dem sie lebt, wird Lila von einer Lehrerin überrascht. Gemeinsam begeben sich die beiden auf die Suche. Auf ihrem Weg durch die weiten Landschaften Argentiniens begegnen sie Menschen, die ihre eigenen Geschichten zu erzählen wissen. Und irgendwann ist Lila am Ziel.

Mit wenigen Dialogen und kargen Bildern setzt der Film unspektakulär ein großes persönliches Thema um und wird dabei ganz von seiner Hauptdarstellerin getragen, die Verletzlichkeit und zähe Entschlossenheit in ihrem Spiel wunderbar vereint.

Gläsener Bär, Berlinale 2014

 

Kritik der Kinderjury

Auf diesen Film muss man sich wirklich einlassen können, denn er ist teilweise langsam erzählt. Außerdem erfährt man gar nicht alle Details der Geschichte über die Dialoge und die Bilder, sondern es gibt viele Auslassungen. Manche von uns sind damit gut zurechtgekommen, für manche war das nicht ganz so einfach. Insgesamt lassen sich die Informationen nur nach und nach zusammensetzen, z.B. welche Bedeutung die Plakette hat, die Lila gleich zu Filmbeginn abmontiert, erfährt man erst später.

Dafür waren wir uns alle total einig, dass sich dieser Film ganz besonders gut für die Kinderrechte einsetzt. Lila will nämlich unbedingt ihren Vater kennenlernen und so mehr über ihre Wurzeln erfahren. Sie bleibt hartnäckig und gibt bei den ersten Misserfolgen nicht gleich auf, weil ihr das wirklich wichtig ist.

Bei den Figuren kennt man sich sehr gut aus. Neben Lila ist vor allem ihre Lehrerin Jimena wichtig, deren Mann gestorben ist. Wie sich die Beziehung zwischen Lila und Jimena entwickelt, hat uns sehr gefallen, z.B. zeigt sich das über das gemeinsame CD hören bei der Rückfahrt, das Jimena davor nicht recht war. Jimena riskiert viel für Lila, denn immerhin könnte sie ihren Job verlieren, weil sie sich gemeinsam mit Lila einen "Urlaubstag" von der Schule nimmt.

Es gibt sehr schöne Aufnahmen von der kargen argentinischen Landschaft, und auch die Lichtverhältnisse sind gut zu erkennen. Am Ende waren wir wie Lila fast wie von der echten Sonne geblendet. Speziell aufgefallen sind uns auch die Handkamera-Bilder, mit denen man immer ganz nahe an Lila dran ist, und die uns unter anderem gut vermittelt haben, wie holprig und steinig die Umgebung ist (z.B. als Lila ihr Pferd holen will).

Es gibt nur sehr wenig Musik im Film, passend zum Argentinien ein paar Mal Gitarre-Klänge. Bereits über den Vorspann vorgezogen hört man allerdings schon den Wind, der über die Landschaft pfeift. Daher wussten wir gleich, dass es dort gerade kalt und eher ungemütlich ist.

Nachdem der Film ein Roadmovie bzw. ein Reise- und Entwicklungsfilm ist, gibt es einige längere Autofahrten. Für manche von uns gab es davon zu viele bzw. dauerten sie zu lange. Andererseits passiert bei diesen Autofahrten auch einiges zwischen Lila und Jimena, also waren so auch wieder gar nicht so schlecht.

Ganz klar wurde uns nicht, warum der Titel des Filmes "Naturkunde" ist. Wir wissen schon, dass Jimena das unterrichtet, und Jimena erklärt Lila in einer Auto-Szene, wie die Glühwürmchen "funktionieren". Man sieht Lilas Klasse auch zweimal beim Biologie-Unterricht, wo es gerade um Fortpflanzung geht (und damit auch um Herkunft). Für uns war die Hauptgeschichte aber trotzdem die Vater-Suche, daher hätte uns ein Titel in diese Richtung eigentlich besser gefallen.

Wir konnten uns sehr gut in Lila hineinversetzen und mit ihr mitfühlen, wie wichtig es ihr ist, ihren Vater kennenzulernen. Mehr braucht sie dann auch gar nicht, und die Windfahne, die sie von ihm geschenkt bekommen hat, wird sie immer an ihn erinnern.

 

Argentinien/
Frankreich 2014
71 Minuten, Farbe

Regie: Matías Lucchesi
mit: Paula Hertzog, Paola Barrientos, Alvin Astorga, Arturo Goetz, Sergio Boris u. a.

10 +

Matías Lucchesi
Matías Lucchesi