Die Pipelinekinder

© Internationales Kinderfilmfestival

DIE PIPELINEKINDER
(BACHEH-HAYE NAFT)

Ismael lebt mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in der Nähe von Masjed Soleyman, einer Stadt im Süden des Irans, wo die hauptsächlichen Ölquellen des Landes liegen. Der Vater ist wie viele Männer des Dorfes auf der Suche nach Arbeit nach Kuwait gegangen und nicht mehr zurück gekommen. Die Familie hat kaum das Nötigste zum Überleben. Ismael versucht, seiner Mutter bei ihrem tagtäglichen Kampf zu helfen. Nach der Schule treibt er sich mit den anderen Kindern bei den Pipelines herum. Es gilt als Mutprobe, eine tiefe Schlucht zu überqueren, über die die Pipeline geht.

Der Film zeichnet sich durch die genaue Beobachtung der täglichen wirtschaftlichen Realität einer Region aus, ohne dabei an Spannung zu verlieren.

 

Kritik der Kinderjury

Dieser iranische Film gibt Einblick in das Leben der Menschen in einer Region, von der wir nicht viel mehr wissen, als dass es dort große Erdölvorkommen gibt. Wie sehr der Alltag der Leute in dieser Gegend vom Erdöl geprägt ist, zeigt die Geschichte von Ismael und seiner Familie.

Die Mutter lebt mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Steinhaus in einem kleinen Dorf. Sie weiß keinen Tag, wie sie sich und die Kinder durchbringen soll, denn der Vater ist im benachbarten Kuwait auf Arbeitssuche gegangen und seit sechs Monaten nicht nach Hause zurückgekehrt. Ihr einziger Besitz, ein Maultier, ist an einen habgierigen Nachbarn verpfändet, weil er dem Vater Geld für seine Reise geliehen hat.

Mit kleinen Gelegenheitsarbeiten versuchen sie sich das Nötigste zu verdienen. Ismaels Mutter müht sich mit einem schweren Blechbottich beladen zur Ölquelle ab, um dann am Markt für die Kanne Öl ein wenig Geld und Brot zu bekommen. Ismael arbeitet in einer Fabrik, wo er mit vielen gleichaltrigen Kindern schwere Zementsäcke schleppt. Während die 11-jährige Schwester zu Hause alle Arbeiten verrichten und auf das Baby aufpassen muss.

Es war für uns schlimm zu sehen, wie groß die Gegensätze von Arm und Reich dort sind. Eine allein erziehende Mutter hat es in diesem Land sehr schwer, weil Frauen und Mädchen benachteiligt werden. Ismaels Schwester geht nicht zur Schule und wird beinahe mit dem 40 Jahre älteren Nachbarn verheiratet. Kinder werden sehr schlecht und gewalttätig behandelt. Der Arbeiter in der Zement-Fabrik schreit die Kinder an und schlägt sie, bis sich das nicht mehr gefallen lassen. Ismael wird in der Schule mit Stockschlägen bestraft.

Ismael und seine Freunde haben keinen Spielplatz, sondern sie treiben sich überall dort, wo die Pipeline verläuft, herum. Und die durchzieht das ganze Dorf, sogar den Friedhof, die karge und steinige Landschaft rundherum. Die Kinder haben auch keine Freizeit, sondern sind ständig damit beschäftigt, Geld fürs Überleben aufzutreiben. Einmal versucht Ismael, Rosen zu stehlen, um sie bei einem Fest zu verkaufen. Schließlich kommt er auf die gefährliche Idee mit der Wette: Wenn er es schafft, auf dem Pipeline-Rohr, das über eine tiefe Schlucht führt, auf die andere Seite des Abgrunds zu balancieren, bekommt er das Geld, das die anderen Jungen auf ihn gesetzt haben. Diese Szene ist die spannendste des Films, die tollen Einstellungen aus der Untersicht und Vogelperspektive lassen einen richtig mitzittern. Natürlich gelingt Ismael das unvorstellbare Kunststück. Doch irgendwie war sein lebensgefährlicher Einsatz vergeblich, denn seine Mutter hat mittlerweile das Haus verkauft und Ismael muss mit ihr und den Geschwistern zum Großvater übersiedeln.

DIE PIPELINEKINDER hat uns sehr gut gefallen, weil der Film eine für uns völlig fremde Welt zeigt. Die Kamera erzählt mit wunderschönen Bildern vom Leben in diesem Land. Der Einsatz von Musik und Ton ist äußerst sparsam, dafür aber umso effektvoller. So läuft Ismael zu Beginn des Films auf der Pipeline nach Hause, seine zerschlissenen Schuhe erzeugen auf dem Metallrohr ein Geräusch, das sich wie ein Trommelrhythmus anhört. Auch die SchauspielerInnen, vor allem die Kinder waren für uns sehr überzeugend.

 

Iran 2001
90 Minuten, Farbe

Regie: Ebrahim
Forouzesh mit: Milad Rezaei, Azar Khosravi, Milad Shadi, u. a.

empfohlen ab 11 Jahren