Polleke

© Internationales Kinderfilmfestival

POLLEKE

Preis der Kinderjury (Lobende Erwähnung), Internationales Kinderfilmfestival 2004

Polleke ist mit Caro befreundet und liebt Mimoen, einen marokkanischen Jungen, den sie kennt, seit sie denken kann. Seine Familie ist gegen diese Freundschaft, die dadurch sehr gefährdet ist. Aber Polleke hat noch ganz andere Sorgen. Ihr Vater Spiek, der von der Mutter getrennt lebt, ist drogenabhängig und ihre Mutter hat nichts Besseres zu tun, als sich ausgerechnet in Pollekes Lehrer zu verlieben. Polleke überredet ihren Vater zu einer Entziehungskur, die damit endet, dass Spiek mit seiner neuen Freundin nach Nepal entwischt. Als Polleke auch noch Caro erwischt, wie sie Mimoen küsst, ist das Fass endgültig voll. Wird Polleke es schaffen, mit all ihren Problemen fertig zu werden?

Ein sehr poetischer Film über Kulturunterschiede, Toleranz gegenüber anderen und die Notwendigkeit, über seinen eigenen Schatten zu springen.

 

Kritik der Kinderjury

Das war ein sehr schöner und cooler Film, er war lustig und traurig - er hat einfach von allem etwas gehabt und immer genau die richtige Dosis!

Wir finden, dass Polleke ein bewundernswert starkes Mädchen ist. Wir können uns nämlich für uns selbst nur sehr schwer vorstellen, dass wir es geschafft hätten, so wie sie mit dem Vater einen Entzug durchzumachen. Dazu gehört viel Mut und Kraft, und das ist bei ihr total glaubwürdig. Als ihre Mutter sie vom Camp abholt, bringt Spiek Pollekes Teddy zum Auto - ein Signal, dass er den Entzug diesmal mit ihrer Hilfe wirklich geschafft hat. An Pollekes Beispiel sieht man, dass Kinder sehr gut alle Probleme mitbekommen und viel Verantwortung im Umgang damit übernehmen können.

Ein weiteres wichtiges Thema des Films ist der Unterschied zwischen verschiedenen Kulturen (hier: zwischen der niederländischen und der marokkanischen) und was es dann doch für Gemeinsamkeiten gibt. Mimoen ist ein typisches Kind der zweiten Generation. Er ist zwar in den Niederlanden geboren, aber seine Familie ist noch sehr in den marokkanischen Traditionen verwurzelt. Der Film greift sehr gut die Probleme auf, die dadurch v. a. für Kinder entstehen können. Und Mimoens Augen - die sagen einfach alles…

Polleke hat es überhaupt nicht leicht: als Mimoens Vater den Verbindungsdraht zwischen ihrem und Mimoens Zimmerfenster durchtrennt, war das wirklich gemein. Auch Pollekes Nachbarin kann nicht wirklich eine gute Freundin sein, wenn sie sich total aufgetakelt an Mimoen heranmacht. Zum Glück will er sie aber gar nicht küssen. Was wir auch nicht so einfach weggesteckt hätten wie Polleke war, dass ihre Mutter sich ausgerechnet in ihren Lehrer verliebt. Die junge Schauspielerin schafft es perfekt, alle ihre Gefühle in ihr Gesicht zu legen, sie muss gar nicht schreien oder sich sonst ärgern. Auch als sie mit Mimoen und ihrer Nachbarin „Schluss macht“ agiert sie sehr ruhig und richtig cool.

Das Happy End war sehr gut und nicht übertrieben. Lustig ist die Szene, in der Polleke Mimoen um den Tanz bittet und wie sein Bruder deswegen kichern muss. Fein, dass Polleke und Mimoen am Ende „nur“ gemeinsam Lakritze essen, denn so wird es nicht zu kitschig.

Als ihre neue Freundin aus dem Camp ihr einige gute Tipps im Umgang mit Buben gibt, ist immer sehr passend und witzig dazwischen geschnitten, wie Polleke das dann in der Praxis umsetzt. Eine besonders gute Idee war es, mit Tom auf dem Moped rund um die Moschee zu fahren, in der Mimoen gerade lernt (ebenfalls mit Zwischenschnitten). Der Schnitt hat in diesem Film außerdem sehr oft die Funktion des Zeit vergehen Lassens - manchmal vergehen sogar Wochen zwischen zwei Schnitten.

Es gibt viele sehr interessante Einstellungen im Film, z.B. als Polleke in der Nacht aufs Klo muss und man sieht, dass besetzt ist (weil Wouter drinnen ist). Eine weitere sehr gelungene Einstellung ist die, als Polleke relativ lange zu sehen ist, wie sie vom geheimen Treffpunkt mit Mimoen wegradelt, nachdem sie ihm gesagt hat, dass sie so mit ihm nicht weitermachen will. Sehr gut ist auch die Szene, in der man auf Pollekes Geburtstagsfeier zwischen Polleke und Wouter (die sich unterhalten) hindurch im Spiegel Pollekes Mutter mit Spiek tanzen sieht. Zur Feier kann man noch ergänzen, dass es ein netter Einfall der Regie war, dass sowohl Spiek als auch Wouter als Elvis verkleidet kommen.

Besonders gut hat die Regisseurin auch Anfang und Ende des Films überlegt. Das Zitat „Und Gott sah, dass es gut war.“ kommt beide Male vor - und es passt ja auch sehr gut zum Film. Zu Beginn gibt es eine Hochzeit (marrokanisch) und am Ende auch (niederländisch), die sogar ganz gleich aussehen: beide Male fährt ein Auto-Konvoi ein und die Menschen bejubeln die Hochzeiter. Weitere schöne Bilder sind auch noch jene, als Mimoen aus dem Bus aussteigt und hinter ihm eine Windmühle ins Bild kommt sowie weiters der Schatten von Spiek mit der Gebetsmühle.

Die Musik hat sehr gut zum Film gepasst. Passend zur Kultur gibt es marokkanische Musik. Besonders berührend ist das leise Lied, das Mimoen am Ende für Polleke singt.

Ein ganz toller und unbedingt sehr sehenswerter Film!!

 

Niederlande 2003
95 Minuten, Farbe

Regie: Ineke Houtman
mit: Liv Stig, Mamoun Eyounoussi, u. a.

empfohlen ab 8 Jahren

Ineke Houtman
Ineke Houtman