Ich schwör's ich war's nicht!
© Films Distribution
Franz Grafl: Angst vor Bildern?
Während der alljährlichen Auswahl der Filme zum Festival stellen wir uns oft die Frage nach der Brutalität der Bilder und nach der Gewalt zwischen den Bildern und Tönen, d.h. nach jenen Gefühlen, die bei den ZuschauerInnen entstehen können.
Kein Film, für welches Alter auch immer, kommt ohne Gewalt aus: Von der subtil erscheinenden, Freundschaft einfordernden, psychische Gewalt der Krähe gegenüber Mama Muh in Mama Muh und die Krähe oder die Bilder der Zerstörung und Angst in Brendan und das Geheimnis von Kells bis zu den Aggressionen eines Leon, der sich und seine Umwelt ständig verletzen will (Ich schwör's ich war's nicht!) reichen die Handlungs- und Aktionsbilder (und -töne) auch bei der diesjährigen wohlüberlegten Filmauswahl.
Es könnte wirklich zum Verzweifeln sein! Oder – und das ist unsere, immer neu zu überprüfende Position in diesem Meinungsspektrum, das vom "Nicht-Zeigen" bis zum "Es kann alles gezeigt werden", reicht – in den filmischen Erzählungen über unsere Welt ist die Gewalt ein Teil der Lebenserfahrungen in allen Altersstufen.
Brendan und das Geheimnis von Kells. © Celluloid Dreams
Bei der Diskussion rund um die Gewalt in den Bilderzählungen, die Comics ebenso einschließen wie Film und Computerspiele, vergisst man jedoch zu oft, dass es sich um Ereignisse handelt, die in eine erzählte Geschichte eingebettet sind, die durch Formen der Erzählung geprägt und rezipiert werden.
Solange sich die ZuschauerInnen nicht in den Bildern völlig verlieren, wenn sie ihre eigene Realität nicht mit jener in der Bilderzählung zu verwechseln beginnen, geht keine "Gefahr" von den Bildern und Tönen aus.
Kunst des Erzählens
Anders ausgedrückt: Zeit - und Raumerfahrungen, Gattungs- und Genreformen, der Kausalzusammenhang von den erzählten Ereignissen und die besondere Rezeptionssituation beeinflussen und modifizieren auch vorhandene Gewaltdarstellungen.
Die kleinen Bankräuber. © Mini Film
Erzählte Zeit, die Vergangenheit oder Zukunft umfasst, wie in Gullivers Reisen, und die mit "flashbacks" Erinnerungen einbaut, die die Gegenwart besser bewerten und verstehen lässt, rationalisiert das auf der Leinwand unmittelbar Gesehene ebenso wie die Gattung Animationsfilm (Brendan und das Geheimnis von Kells) oder das Krimigenre in Die kleinen Bankräuber, dessen Ausgangsituation – Kinder überfallen pfiffig eine Bank – bereits als spielerische Variante von Wirklichkeit zu erkennen ist. Dieses Spiel in der Möglichkeitsform erlaubt gleichzeitig aber auch, Ursache, Konflikt und Wirkung von konkreten Handlungen nachzuvollziehen. Eingebettet in ein Gemeinschaftserlebnis, wie es das Kinoerlebnis darstellt, wird der Realitätseindruck, den der Film aufgrund seiner vielfachen technischen Möglichkeiten der Ton- und Bildaufzeichnungstechnik wie kein anderes Medium herzustellen imstande ist, als Medienereignis und nicht als Abbild von Wirklichkeit erkannt. Eine anschließende Auseinandersetzung, sei es in Form von Gespräch, Zeichnen oder theatraler Nachstellung, unterstreicht das Bild- und Tonerlebnis als fiktionalisiertes Geschehen, als Modell von Realität, und kann mit dieser nicht mehr verwechselt werden.
Autorenmeinung
John Cassavetes, ein Filmautor, der Filme außerhalb des Mainstream gemacht hat, meinte einmal: "Mich interessiert weniger, Gewalt zu zeigen, als vielmehr zu erzählen, wie es zu dieser kommt und in welcher Form man anschließend mit dieser Erfahrung weiter leben kann." Dafür ist aus dem diesjährigen Festivalangebot der Film Ich schwör's ich war's nicht! ein gutes Beispiel. Bleibt dessen Ende offen – weder der Hauptcharakter Leon noch wir als ZuschauerInnen wissen, wie es mit ihm weiter gehen wird –, so zeigen Erinnerungsbilder, die als Inserts eingeflochten sind, und Leons Off-Kommentare, die immer stärker zu On-Kommentaren werden, die innere Kraft dieses Jungen auf, seine Lebenssituation zu ändern. Seine zerstörerischen, für uns verstörend bildmächtigen Aktionen werden durch ihn selbst relativiert und mit Mitgefühl aufgeladen, das ihm zwar als Lösungsmöglichkeit immer wieder aufleuchtet, jedoch auf Grund seiner inneren Vereinsamung wirkungslos bleibt. Erst als er sich mit seinen Einschätzungen über sein Verhalten direkt, mit On-Kommentaren, an uns wendet, zeichnet sich eine lebenswerte Zukunft für ihn ab.
Eine Filmerzählung besteht aus neunzig Minuten Erzählzeit. Wofür diese Zeit von den Autoren genützt wird, entscheidet auch über die Notwendigkeit von Gewaltdarstellungen. Oder sie können, wie in diesem Beispiel, zu einer Voraussetzung für das Verständnis und für die angedeutete Entwicklung Leons werden.
Abgeleitet
Begriffe von Aristoteles wie Mimesis und Katharsis, die weit in Überlegungen und in den Ursprung menschlichen Erzählens zurückführen, können die oben angeführten konkreten Beispiele verallgemeinern: Wird die "Faszination" von Gewalt durch ästhetisierende Beschreibung und Darstellung zur Nachahmung empfohlen, oder werden Gewaltszenen als Bausteine genützt, um aus dem Zeigen vom Leid Anderer zu einer empathischen Einstellung zum eigenen Ich und zum Leben Anderer zu kommen?
Beide Möglichkeiten sind in der modernen Bild- und Tonerzählkultur enthalten.
Mama Muh und die Krähe. © Swedish Film Institute
Bilddarstellungen und vor allem Sequenzen, Montagen und gesamte Filmerzählungen, auch die von und über Gewalt, können persönliche Hilfe sein, sich und andere zu verstehen, können Inhalte zum Denken bereit halten, ein "Airbag" für Lebenskonflikte sein, das Wiederauffinden von eigenen, bereits gemachten Erfahrungen erleichtern oder Quelle für ein neue, auch ästhetische Aufmerksamkeit gegenüber der Welt darstellen. "Keine Angst vor Bildern" fasst Serge Tisseron, Psychoanalytiker und Medientheoretiker, die genannten Möglichkeiten der heutigen Bildkultur zusammen.
Das diesjährige Festival bietet ein auf das jeweilige Alter genau abgestimmtes "Anschauungsmaterial" auch zur Frage des Umganges mit manifesten, am Bild gezeigten, oder latenten, aus der Montage von Bild und Ton im Gefühl entstehenden Darstellungen an, die wie im Alltag psychische und körperliche Gewalt mit einschließen. Diese Gewalt wird jedoch mit dem langen Wissen um die Wirkung von Erzählformen und neue Darstellungsmethoden in produktiver Form immer wieder als erreichbare, mögliche Utopie poetisch, das heißt die abgebildete Realität durch Menschen / Künstlerinnen geformt, und im Medium Film in 90 Minuten vorgestellt.
Trotz Gewaltbildern kann es unter den skizzierten Voraussetzungen zu einer moralischen und ästhetischen Erweiterung an Lebenserfahrung kommen.
Eine offensive Auseinandersetzung mit Bildern im 21. Jahrhundert ist besser als die Angst vor Bildern weiter zu tragen.
Literatur: Tisseron, Serge: Comment Hitchcock m'a guéri. Que cherchons-nous dans les images? Albin Michel. Paris 2003, Seite 127 f.
