© Films Distribution
Ich schwör's ich war's nicht! – Kritik der Kinderjury
Leon mag sein Leben nicht. Das wird von Anfang an klar in diesem Film. Er hat es wirklich nicht leicht. Seine Eltern streiten ständig und schließlich verlässt die Mutter die Familie. Wie Leon auf diese Situation reagiert, hat uns viel zu Denken gegeben: Einige fanden den Film langweilig und Leons Verhalten völlig unrealistisch, die Mehrheit aber war ziemlich berührt und betroffen von Leons Geschichte. Auch die Figur der Lea ist sehr gut ausgedacht. Kaum auszuhalten war allerdings, wie gemein sie Leon auf dem Schulhof vor allen anderen MitschülerInnen blamiert.
Das Besondere an diesem Film – da waren wir uns alle einig – ist, dass er tragische und komische Momente gekonnt miteinander verbindet. Musik und Kamera hat der Regisseur dabei hervorragend eingesetzt. Die Musik bildet oft einen Kontrast zu dem, was auf der Leinwand zu sehen ist. Zum Beispiel in der Szene, als Leon sich im Garten fast erhängt, hört man dazu eine ruhige und fröhliche Melodie. Sehr gut gefallen hat uns, wie der Film Leons Gedanken in Bildsprache übersetzt. Etwa als Leon mit Kieselsteinen auf seinem Nachkästchen die Tage zählt, die seine Mutter weg ist. Beeindruckend waren auch viele Bildübergänge (Leon denkt an Kieselsteine in der Meeresbrandung, während das Meeresrauschen in das Rollen der Bowling-kugel übergeht, Bilder von Griechenland verwandeln sich in ein Werbeplakat im Schaufenster eines Reisebüros).
Leons Wahrnehmung der Welt wird den ZuschauerInnen in vielen Varianten vermittelt. Lustig fanden wir zum Beispiel die Sache mit der vorgetäuschten Kurzsichtigkeit. Weil er beim Augenarzt geschwindelt hat, muss er eine dicke Brille tragen und sie heimlich immer wieder abnehmen, um richtig zu sehen. Die verschwommenen Bilder sehen wir aus Leons Perspektive. Überhaupt ist bei der Kamera-Arbeit die Wahl der Perspektive sehr abwechslungsreich (eine schöne Einstellung ist zum Beispiel das Maisfeld, Leons Geheimversteck, aus der Vogelperspektive). Schön fanden wir auch Bilder, in denen mit Schärfe-Verlagerung Stimmungen wiedergegeben werden oder den ZuschauerInnen etwas mitgeteilt wird (Leons kurzer Blick auf das Kreuz, bevor er das Cembalo der Nachbarsfamilie aufbricht).Toll fanden wir auch, wie genau die Zeit, in der der Film spielt, dargestellt war. Die 70er Jahre sind an den Häusern und der Einrichtung der Wohnsiedlung, den Autos, der Mode und vielen kleinen Details zu erkennen.
Obwohl das Thema des Films sehr ernst ist, gibt es durch viele witzige Momente auch immer etwas zum Lachen. Die Einbruchsszene mit Lea zum Beispiel, als Leon umständlich zum Fenster klettert und versucht, die Fensterscheibe ganz „professionell“ einzuschlagen. Oder die Übereinkunft von Mutter und Sohn, dass es zwar besser ist, nicht zu lügen, aber es noch schlimmer ist, schlecht zu lügen.
Die schöne Schlusssequenz, in der sich Leon direkt ans Publikum wendet, macht Hoffnung, dass er es doch schaffen wird, im Leben glücklich zu werden: „Das Leben ist zwar nicht für mich gemacht, aber ich bin für das Leben gemacht.“
Ein ergreifender Film, der den ZuschauerInnen einiges zumutet und ein wichtiges Tabuthema anspricht.
