Preis der Kinderjury 2012: COOLE KIDS WEINEN NICHT

Preis der Kinderjury 2012: COOLE KIDS WEINEN NICHT

DIE QUAL DER WAHL

Gedanken zum Projekt KINDERJURY von Margarete Erber-Groiß und Klaudia Kremser

Filmbegeisterte Kinder im Alter zwischen 11 und 13 Jahren haben jedes Jahr die Gelegenheit, als JurorInnen beim Internationalen Kinderfilmfestival Wien mitzuwirken. Die Kinderjury vergibt zwei Preise: Den PREIS DER KINDERJURY und den UNICEF-Preis für den Film, der sich am besten für die Rechte von Kindern einsetzt. Das Projekt Kinderjury ist seit vielen Jahren ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Festivals, begründet auf der Idee, dass die Zielgruppe selbst mit entscheiden soll. Für filminteressierte Kinder ist dies eine tolle Möglichkeit, sich intensiv mit den gezeigten Filmen auseinanderzusetzen. Die Festivalfilme weichen in ihrer Machart und ihrer künstlerischen Qualität oft von den gängigen Standards des kommerziellen Kino-Angebots für diese Altersgruppe ab. In der Arbeit mit der Kinderjury geht es darum, den Blick für diese feinen Unterschiede zu schärfen. Ausgangspunkt bleibt dabei immer der partizipative Ansatz, bei dem die JurorInnen mit ihren Fähigkeiten, ihren Filmvorlieben und ihrer eigenen Sprache im Mittelpunkt stehen.

DANNYS MUTPROBE

DANNYS MUTPROBE – Preis der Kinderjury 1998

Auf die Frage nach den Kriterien für einen guten Kinder- und Jugendfilm heißt es von Kinderseite zunächst fast immer, dass er LUSTIG UND SPANNEND sein soll. Bei der Kinderjury sind die TeilnehmerInnen gefordert, über diesen Anspruch hinauszugehen. In der Arbeit mit den Filmen lernen die JurorInnen viel über die unterschiedlichen Gestaltungselemente beim Film. Sie erfahren beispielsweise, wie wichtig der Ton und die Musik, die Kamera und der Schnitt sind. Und es wird ausführlich diskutiert, welche Bedeutung das Drehbuch und die Regie für einen Film haben. Auch hier gilt die Maxime, die Kinder dort abzuholen, wo sie mit ihrem Medienwissen und ihren eigenen Vorlieben stehen. Deshalb werden die JurorInnen in den Vorbereitungs-Workshops auch immer eingeladen, ihre Lieblings-DVDs mitzubringen und am Beispiel einer Lieblingsszene zu erklären, was ihnen daran so gut gefällt – eine wichtige Vorübung für die Arbeit während der Festivalwoche.

In den KRITIKEN DER KINDERJURY werden dann die Diskussionen über die gesehenen Filme in einem ausführlichen Protokoll zusammengefasst, das möglichst genau den O-Ton der Jurysitzungen wiedergibt.

Im Laufe der Jahre wurde das Projekt Kinderjury weiterentwickelt, verfeinert und professionalisiert – bereichert durch die Erfahrungen mit den vielen engagierten JurorInnen und in Zusammenarbeit mit dem Organisationsteam. Mittlerweilen gibt es ein bewährtes Setting mit einem vorstrukturierten Ablauf, der für die Kinder nach dem Motto "learning by doing" funktioniert.

Der erste UNICEF-Preis: DAS MÄDCHEN IN DEN TURNSCHUHEN

Der erste UNICEF-Preis: DAS MÄDCHEN IN DEN TURNSCHUHEN

In der Anfangsphase, in den Jahren 1998 und 1999, wurde die Kinderjury in Zusammenarbeit mit Schulen als Projekt-Unterricht durchgeführt. Kinder einer ausgewählten Schulklasse sahen sich die Festivalfilme an und kürten nach ausführlichen Diskussionen die Siegerfilme. Im Vorfeld des Festivals gab es in der Schule Einführungsworkshops zum Thema Filmkritik. Beim gemeinsamen Brainstorming mit den SchülerInnen entstand ein Kriterienkatalog für die Bewertung von Filmen, zusammengefasst in einem FILMKRITIKBOGEN, der bis heute ein wichtiges Tool für die Jury-Tätigkeit geblieben ist. Neben professionellen Bewertungskriterien berücksichtigt der Filmkritikbogen auch Aspekte, die besonders für Kinder wichtig sind, wie zum Beispiel das Bedürfnis, sich gut in die Geschichte sowie in die Hauptfiguren hineinversetzen zu können.

Die Erfahrungen aus den Schulprojekten waren wertvolle Inputs, als die Kinderjury im Jahr 2000 neu konzipiert wurde. Seitdem ist die Kinderjury ein medienpädagogisches Freizeitangebot für filminteressierte Kinder. Die Anzahl der Jurymitglieder lag über einen längeren Zeitraum bei etwa 11 bis 13 Kindern. Heute ist die Jury auf eine Kleingruppe von 7 JurorInnen zugeschnitten. Damit ist ein qualitätsvolles Diskussionsniveau garantiert, bei dem sich die JurorInnen individuell einbringen können. Die Bewertungskriterien werden jedes Jahr mit den aktuellen JurorInnen neu diskutiert und adaptiert, bevor es in die Festivalwoche geht.

Preis der Kinderjury und Publikumspreis: CARLITOS UND DAS LAND DER TRÄUME

Preis der Kinderjury und Publikumspreis: CARLITOS UND DAS LAND DER TRÄUME

Das Schöne an der Kinderjury sind die Lebendigkeit und Unwiederholbarkeit. Jeder JurorInnen-Jahrgang ist anders und doch gibt es einige Konstanten, die über die Jahre gleich geblieben sind. Etwa die Tatsache, wie schnell die Kinder als Team zusammenwachsen und Freundschaften schließen. Von der Schüchternheit beim Kennenlern-Treffen ist nach einigen Arbeitstreffen nichts mehr zu bemerken. Während der Festivalwoche werden die JurorInnen zu echten Profis. Bemerkenswert ist, mit welcher Begeisterung sie dabei sind. Es gibt während der Festivalwoche kaum Krankenstände oder Ausfälle. In den Jury-Sitzungen beweisen die jungen Filmfans mit treffenden Kommentaren und Analysen viel Durchblick und Feinfühligkeit. Für kleine Regie- und Continuity-Fehler haben die JurorInnen stets ein ganz besonderes Auge. Dem erwachsenen Publikum fallen kleinere Anschlussfehler wie Änderungen in der Szenen-Dekoration oder am Aussehen einer Hauptfigur kaum auf. Mit detektivischem Eifer sind in jeder Jury einige JurorInnen dabei, die mit Vorliebe solche Ungenauigkeiten aufdecken.

Lobende Erwähnung 2012: KAUWBOY

Lobende Erwähnung 2012: KAUWBOY

Was hat sich von 1998 bis 2014 am Projekt Kinderjury verändert? Naturgemäß die Filmvorlieben, die wie ein Barometer das schnell wechselnde Angebot an Mainstream-Filmen abbilden: Sie reichen von FLUCH DER KARIBIK bis zu ICH EINFACH UNVERBESSERLICH. Absolute Spitzenreiter über all die Jahre sind aber die HARRY POTTER-Filme.

Viele der JurorInnen sind schon lange Stammgäste des Festivals. Erfreulicher Weise melden sich sehr unterschiedliche Kinder für die Kinderjury. Es gibt JurorInnen, die ohne Fernseher aufwachsen, andere hingegen sind schon totale Film- und Fernsehfreaks. Hinzu kommt in den letzten Jahren eine immer größere Versiertheit bei der Mediennutzung, vom Internet über Social Media bis hin zum Kinofilm. Die Beschränkung des Alters auf 11- bis 13-Jährige hat sich bewährt. Damit ist einerseits die Homogenität der Gruppe gesichert, andererseits aber auch die Bandbreite zwischen noch recht kindlichem Filmverständnis und der Fähigkeit zum Abstrahieren und Reflektieren gegeben. Die Redefreudigkeit und der Spaß am Präsentieren haben sich bei den JurorInnen in den letzten Jahren auffallend gesteigert. Und da ist noch eine Sache, die sich geändert hat: Das ultimative HAPPY END ist für die aktuellen JurorInnen-Generationen nicht mehr so zwingend notwendig wie früher. In den letzten Jahren prämierten die Jurys mehrfach "traurige" Filme mit tragischem Ausgang. Ein offenes Ende ohne klare Aussage, wie die Story weitergehen könnte, wird im Vergleich dazu nach wie vor nur ungern akzeptiert.

Der Kinderjury-Kalender

Bereits während eines laufenden Festivals können sich interessierte KandidatInnen in die Liste für die Kinderjury des darauffolgenden Jahres eintragen. Die Nachfrage ist immer sehr groß und die Liste entsprechend lange. Nach der Reflexion des jeweils letzten Festivals beginnt das Kinderjury-Jahr etwa im März mit der Reservierung sämtlicher Räumlichkeiten für die Kinderjury-Treffen. Auch die Feier mit der Kinderjury im Anschluss an die Preisverleihung muss relativ frühzeitig geplant werden, und zwar im August. Im September geht es dann richtig los, denn da werden die Kinderjury-Briefe versandt. Sobald der Kinderjury-Brief ausgeschickt ist, geht es eine Zeitlang ganz schön turbulent zu: Kinder oder Eltern mailen uns oder rufen uns an, melden sich für die Kinderjury an und manchmal auch wieder ab, und so dauert es eine Weile, bis die sieben Kinder für die Kinderjury feststehen. Viele Kinder und Eltern sind sehr nett und freuen sich, wenn sie bei der Kinderjury mitmachen dürfen. Manche, die es mit der Anmeldung nicht rechtzeitig schaffen, sind sehr enttäuscht. Uns tut es selbst leid, dass wir nicht alle filmbegeisterten Kinder in die Kinderjury aufnehmen können. Im Oktober und November finden das Kennenlern- und die drei Arbeitstreffen der Kinderjury statt. Beim Kennenlern-Treffen stellen sich alle Kinder vor und die Jury-Arbeit während des Festivals wird besprochen. Bei den drei Arbeitstreffen unterhalten wir uns anhand von Film-Ausschnitten über die Bewertungskriterien, machen eine Probe-Sichtung samt Bewertung und proben auch für Eröffnung und Preisverleihung.

Preis der Kinderjury 2014: SHANA – THE WOLF'S MUSIC

Preis der Kinderjury 2014: SHANA – THE WOLF'S MUSIC

Die Kinderfilmfestival-Woche

Die größte Aufregung herrscht vor der Eröffnung. Aber wenn die erst einmal über die Bühne gegangen ist und sich die Jury vor ca. 750 Kindern und Eltern im ausverkauften Gartenbau-Kino vorgestellt hat, dann kehrt relativ schnell der Festival-Alltag ein. Im Laufe der Woche werden die Diskussionen immer professioneller und die Kinder trauen sich immer mehr, sich zu Wort zu melden. Sie lernen auch, Gesprächsregeln einzuhalten und ganz allgemein mehr aufeinander zu achten. Aus dem losen Verband wird eine eingeschworene Truppe, die am Ende gar nicht mehr aufhören will. Die JurorInnen dürfen, wenn sie wollen, bei der Moderation vor den Filmen mitmachen, und am Ende der Festival-Woche verkünden sie die Preise der Jury ("Bester Film" und UNICEF-Preis). Und anschließend wird dann noch gefeiert!

Schön ist, dass viele JurorInnen und auch viele Eltern dem Kinderfilmfestival lange Zeit treu bleiben und jedes Jahr wiederkommen. Gar nicht so selten melden sich jüngere Geschwister gleich als NachfolgerInnen zur Kinderjury an.

Die Preise 1998 bis 2016

Jahr Preis der Kinderjury UNICEF-Preis Publikumspreis
1998 DANNYS MUTPROBE nicht vergeben nicht vergeben
1999 ALBERT UND DER GROSSE RAPPALLO (Jury 6 bis 10 Jahre) nicht vergeben nicht vergeben
  TOMMY UND DER LUCHS (Jury 10 bis 14 Jahre)    
2000 DIE KUH UND DER PRÄSIDENT DAS MÄDCHEN IN DEN TURNSCHUHEN nicht vergeben
2001 ES GIBT NUR EINEN JIMMY GRIMBLE ALI ZAOUA TAINAH – ABENTEUER IM REGENWALD
2002 ROLLI EL BOLA HILFE, ICH BIN EIN JUNGE!
2003 ELINA KLEINER MÖNCH NENN MICH EINFACH AXEL
2004 EIN ENGEL FÜR MAY DiE BLINDGÄNGER ROTZNASEN
2005 IN ORANGE DER ITALIENER DER SCHATZ DER WEISSEN FALKEN
2006 LIEBE UND TANZ DER TRAUM EIN PFERD FÜR WINKY
2007 DESMOND UND DAS SUMPFMONSTER PAULAS GEHEIMNIS SVEIN UND SEINE RATTE
2008 BUNT ROT WIE DER HIMMEL LABAN, DAS KLEINE GESPENST
2009 CARLITOS UND DAS LAND DER TRÄUME NILOFAAR CARLITOS UND DAS LAND DER TRÄUME
2010 ZOOMER HÄNDE HOCH! DER GESCHICHTENERZÄHLER
2011 WIE MAN UNSTERBLICH WRID MEIN GROSSVATER DER BANKRÄUBER DIE ZAUBERER
2012 COOLE KIDS WEINEN NICHT IM NAMEN DER TOCHTER TONY 10
2013 GRÜSSE VON MIKE! KOPFÜBER ERNEST UND CELESTINE
2014 SHANA – THE WOLF'S MUSIC MISTER UND PETE LOLA AUF DER ERBSE
2015 REGENBOGEN KONFETTIERNTE DAS LIED DES MEERES
2016 MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI FANNYS REISE VILLADS AUS VALBY

Anmeldungen zur Kinderjury sind ausschließlich während des Festivals in den Festivalkinos möglich. KandidatInnen für die Kinderjury sollten im Festivaljahr mindestens 11 und höchstens 13 Jahre alt sein!

 

  • Kulturabteilung der Stadt Wien
  • Bundesministerium für Bildung
  • Erste Bank
  • Filminstitut
  • Bundeskanzleramt Österreich: Kultur
  • Pepelnik & Karl
  • Institut Pitanga

 

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