VILLADS AUS VALBY

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Martina Lassacher: NACH DEN BILDERN
Wie Kinder aus Filmen lernen können

Als Kind habe ich mich oft auf einen Stuhl gestellt, um zu sehen, wie die Welt aus der Perspektive von Erwachsenen aussieht. Ich wollte das Gefühl kennen lernen, das mein Lehrer hatte, wenn er von oben herab auf mich hinunter sah. Es war toll, die Welt von so weit oben zu betrachten. Ich hatte dabei eine Empfindung von Überlegenheit, die ich sonst nicht kannte. Später habe ich mich gewundert, dass sich dieses Hochgefühl (im wahrsten Sinn des Wortes) nicht einstellte, als ich größer wurde. Ich gewöhnte mich wohl an den langsam größer werdenden Abstand zum Boden.

Viel später wurde ich durch den Film An Angel at My Table (Jane Campion, Australien/Neuseeland 1990) emotional in meine Kindheit zurück versetzt. Die Einstellungen, wo eine bedrohlich wirkende Lehrerin aus dem Blickwinkel der kleinen Janet Frame auf sie herunter schaut, machten mir schmerzlich bewusst, wie machtlos ich mich als Kind in der gleichen Situation gefühlt hatte. Ich war inzwischen erwachsen und hatte von strengen Lehrern nichts mehr zu befürchten. Allein durch die filmische Perspektive jedoch begegnete ich den Gefühlen aus meiner Kindheit wieder und hatte – mehr emotional als rational – ein wichtiges Thema des Films begriffen.

Kinder werden im Zeitalter der Medien von Bildern geradezu bombardiert. Man kann darüber endlos lamentieren oder diesen Umstand nutzen und sinnvoll in die Erziehung mit einbauen. Filme nehmen dabei einen wichtigen Stellenwert ein. Im Gegensatz zu anderen oft flüchtigen Bilderfahrungen zeichnet sich ein Film durch eine gewisse Länge aus, erzählt eine komplexe Geschichte und weist eine bestimmte Struktur auf. Daraus können nicht nur Kinder viel lernen.

Wichtig ist, dass Filme nicht nur – sorgfältig für die jeweilige Altersgruppe ausgewählt – mit Kindern angeschaut werden. Es besteht ein großer Unterschied zwischen intuitiv erleben und im Denkprozess darüber begreifen. Deshalb sollen Kinder auch dabei unterstützt werden, das Gesehene zu verarbeiten und in die eigene Erfahrungswelt zu integrieren. Je nach Alter und Entwicklungsstufe bringen die jungen ZuschauerInnen dafür unterschiedliche Erfahrungen, Erlebnisse und Kenntnisse mit – auch das muss berücksichtigt werden.

Immer ist es sinnvoll, von einzelnen Bildern des Filmes auszugehen und aus ihnen die Erinnerung an den Film wachzurufen. Bei Vorschulkindern steht dabei das zeichnerische und mimisch-gestische Nachvollziehen im Vordergrund. Älteren Kindern hingegen macht es meist großen Spaß, die Bedeutung von filmsprachlichen Elementen wie Zeitlupe, Kameraperspektive, Bildgestaltung, Montage oder Tonverfremdung zu erforschen und zu erkennen, dass mit bewusst gesetzter Formensprache emotionale, moralische und gedankliche Entwicklungen dargestellt, Spannung aufgebaut oder Handlungselemente betont werden – dass formale Mittel eben auch eine Form von Inhalt sind.

Ein Film hat für Kinder und Jugendliche in erster Linie Unterhaltungswert. Umso sinnvoller ist es, ihn als Unterrichtsmittel zu nutzen. Das Erlernen bestimmter Fähigkeiten wird hier oft als spielerisch und mühelos empfunden und deshalb gerne angenommen. Aber welche Fähigkeiten erlernen Kinder durch die Beschäftigung mit Filmen?

Aufmerksames Zuhören fällt in unserer Zeit der Dauerbeschallung durch Hintergrundgeräusche vielen jungen Menschen schwer. Sitzen bleiben, aufpassen, die anderen ausreden lassen – das alles ist nicht leicht zu lernen, wenn es selten einen Augenblick der Stille gibt. Wir wenden in unseren Nachbesprechungen der Filme gerne ein bewährtes Mittel an. Wir lassen die Kinder eine Minute lang die Augen schließen und bitten sie, den Film noch einmal Revue passieren zu lassen. Welche Szene ist dir besonders im Gedächtnis geblieben? Welche Figur hat dich besonders beeindruckt? Gab es Musik, die du in der Erinnerung noch hören kannst? Welches Bild fällt dir ganz spontan ein, wenn du an den Film denkst? Danach schreiben wir in der Runde alles auf, was die Kinder dazu zu sagen haben. Jedes Kind kommt an die Reihe, und alle anderen müssen dem Kind, das gerade spricht, zuhören. Meistens funktioniert das sehr gut. Durch die Minute Stille, in der jedes Kind in sich selbst hinein horcht, ist es danach auch aufnahmebereit dafür, was ihm andere mitteilen wollen. Zuhörkompetenz ist also eine der Fähigkeiten, die Kinder in der Beschäftigung mit Filmen erlernen.

Im Sprechen über Gesehenes wird die Beobachtungsgabe geschärft. Indem wir uns einzelne Bilder, Szenen, Dialoge des Films in Erinnerung rufen, lernen wir, Eindrücke nicht flüchtig bleiben zu lassen, sondern sie einzuordnen und zueinander in Beziehung zu setzen. Dadurch wird das strukturelle Denken geschult. Nicht immer muss man über Filme sprechen, um dorthin zu gelangen. Unserer heuriger Film für ZuschauerInnen ab fünf Jahren, Der kleine Traktor Gråtass (Peder Hamdahl Næss, Norwegen 2016) spielt auf einem Bauernhof. Man kann die Kinder Zeichnungen von den Tieren, den Blumen und dem Traktor machen lassen, sie dann ausschneiden und in einer gemeinsamen Collage zusammensetzen. Auch dadurch erinnern sich die Kleinen besser an den Film und lernen, einzelne Teile zu einem großen Ganzen zu fügen.

Ein wichtiger Prozess, der durch die intensive Auseinandersetzung mit Filmen in Gang gesetzt wird, ist die Fähigkeit zur Differenzierung. Indem einzelne Figuren aus dem Film näher beleuchtet und ihnen Eigenschaftswörter zugeordnet werden (z.B. wütend, ängstlich, mutig, schroff …), lernen Kinder, dass die meisten Menschen nicht einfach gut oder böse sind, sondern eine Mischung aus beidem. Sehr junge Kinder brauchen Klischees wie Gut und Böse, um sich zurechtzufinden. Je älter das Zielpublikum ist, umso differenzierter wird die Figurenzeichnung.

Film ist auch ein kulturelles Gut. Ein Film, der aus einem asiatischen Kulturkreis kommt, hat eine andere Formensprache als ein Film aus einem europäischen Land. Wenn im Film In the Mood for Love (Wong Kar-Wai, Hongkong 2000) die Figuren oft nur durch Türen und Fenster gesehen werden oder uns ihr Gesicht verborgen bleibt, hängt das damit zusammen, dass in der chinesischen Kultur die Dinge nicht gerne zu direkt beim Namen genannt werden. Sich Filme aus fremden Ländern anzusehen und sich mit ihrer formalen Qualität auseinander zu setzen, trägt dazu bei, dass wir andere Kulturen besser verstehen.

Das Wichtigste, was junge Menschen jedoch aus Filmen und der Beschäftigung damit lernen, ist, aus den eigenen Beobachtungen Schlussfolgerungen zu ziehen und dabei Stellung zu beziehen. Wenn Kinder dazu angehalten werden, ihre Meinung zu einem Film zu äußern, entwickeln sie selbständige Gedanken und werden diesen Gedanken immer mehr vertrauen. Sie lernen auch, sich qualifiziert und selbstbewusst darüber auszudrücken. Kinder werden durch das Sehen von Filmen und die anschließende Auseinandersetzung damit zu unabhängigen Menschen erzogen, die sich eine eigene Meinung bilden können und auch fähig und mutig genug sind, ihre Meinung zu äußern.

 

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