Wien
17. – 25. November 2018
17. – 25. November 2018
CINE CENTER  |  CINEMAGIC  |  VOTIV KINO

30 Jahre Kinderfilmfestival –
Ein Rückblick

 

aus dem Sonderheft zum Festival

 

aus dem Sonderheft zum Festival

 

 

 

UND ES BEWEGT SICH DOCH …

 

… nämlich das Verständnis und das Wissen über die Erzählkunst des 20. Jahrhunderts, den Film. Selten gibt es die Möglichkeit, ein Genre, in diesem Falle den Kinderfilm, in all seinen Facetten über einen so langen Zeitraum konzentriert und vertiefend zu verfolgen. Bleiben die behandelten Themen über die Jahre hinweg ähnlich, finden in der formalen Gestaltung Veränderungen statt, die dem Aufkommen der virtuellen Medienrealität und deren postmodernen Ausformungen geschuldet sind. Einzelne Erzählmotive erhalten entsprechend der veränderten gesellschaftlichen Situation intensivere Gewichtungen, bei denen die Welterfahrung der Kinder durch Auswahl der Motive, die die Erzählung formen, im Mittelpunkt stehen und die Themen prägen. Dazu gehören auch Bildausschnitte und Perspektiven, immer auf der Höhe der Kinder, die formal den Kosmos der kindlichen Welterfahrung nachzuzeichnen imstande sind. Natürlich hält neben der optischen Optimierung auch die vielkanalige akustische Kinoerfahrung Einzug, die ebenfalls – in ihren besten Beispielen – eine psychologisch vertiefende Auslotung der FilmheldInnen erlaubt. Gegen den Trend des zerstreuten Sehens, des immer stakkatohafteren Erzählens durch kurze rasche Schnitte und oberflächliche Charakterzeichnung, wendet sich das Festival mit seiner Auswahl, trotz des Wissens, dass Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsfähigkeit immer kürzer werden.

 

In der großen Einkaufshalle halbnah: unschlüssig neugierig zweifelnd Winky. Die Buntheit dieser Einstellung steht in Kontrast mit den übrigen eher dunklen Sequenzen der Weihnachtszeit.

Ein Pferd für Winky / Het paard van Sinterklaas

(Mischa Kamp, Niederlande, Belgien 2006)

 

Filme – gleich groß wie das Leben

Soziale Zuwendung nach Diskriminierung – Freundschaft mit anthropomorphen Tieren  – originelle Einfälle, die die Erwachsenenwelt durcheinanderwirbeln – bekannte literarische Vorlagen – Behinderung – Kinderleben in der Dritten Welt – phantastische Welten, und (leider) wenige österreichische Produktionen. Als Antwort auf gesellschaftlich-mentale Veränderungen kommen in den vergangenen 15 Jahren neue Formen der Familie wie Patchwork Familien und selbstbestimmende Kinder, die jedoch oft in Vereinzelung und Einsamkeit aufwachsen, auf die Leinwand. Ihre Freunde sind Computer, Handy oder Roboter. Ausgangspunkt der Konflikte sind Mobbing und Stalking. Varianten des Sportfilms, Pferdewettbewerbe für Mädchen oder Fußballkämpfe für Jungen, bei denen sich die Kinder, sei es als SiegerIn oder als VerliererIn, bewähren müssen, bilden die Rahmenhandlungen.

 

Trotz der Retrokleidung und des ungewohnten Schwarzweiß bleibt der Eröffnungsfilm 2015 in lebendiger Erinnerung, Nicht nur technisch, sondern auch in der Gefühlswelt auf Augenhöhe wird das erste Verliebtsein nachvollziehbar erkundet.
Aniki Bóbó (Manoel de Oliveira, Portugal 1942)

 

Weihnachtsgeschichten, die besonders sensibel mit kindlichen Mythen und Ritualen umgehen, bilden eine eigene Serie. Manchmal erheben sie sich ein wenig ironisch über den kindlichen Glauben, manchmal ist die Stimmung geografisch oder klimatisch in andere Erdteile versetzt. Durch beide inszenatorischen Gesten ergeben sich bereits eigenwillige Brechungen.  „Die Filmemacher haben sich einiges einfallen lassen, um aus traditionellen Weihnachtserzählungen und bekannten Figuren eine neue Geschichte zu basteln,“ stellte die Jurykritik der Kinder zum Film Das Magische Weihnachten / Den Magiske Julaeske (Jacob Ley, Dänemark 2016)  zum Beispiel fest.

 

An die Welt, wie sie ist, heranzuführen, und diese auch als veränderbar erlebbar zu machen, ohne dabei auf das Kind-Bleiben-Können zu vergessen, war und ist das Spannungsfeld, in dem das Festivalprogramm seit Beginn oszilliert.

 

Körperlich spürbar in dieser Einstellung sind Wind und Sand. Die beiden sind aus einiger Entfernung gezeigt. Sie könnten auch als Mahnmal für eine respektvolle Annäherung an alle alleingelassenen Kinder gelesen werden.
Kleiner Bruder / Bauyr (Serik Aprimov, Kasachstan 2013)

 

„Was gibt es noch auf der Welt!“

Das Festivalprogramm stellt mit der alljährlichen  Auswahl ein Gegenangebot zu den üblichen Kinoerfahrungen dar. Die geografische Vielfalt von internationalen Produktionen wird ebenso hervorgehoben wie oft daraus abgeleitete Erzählungen, die auf Grund ihrer kulturellen Tradition andere Formen nutzen. Dieses jedes Jahr neu zu definierende Sample widerspiegelt die bei uns oft unbekannte Üppigkeit filmischer Ausdrucksformen. Sie nehmen die altersadäquaten Wahrnehmungsmöglichkeiten ernst und stellen sich einer genauen und ausgewogenen Charakterisierung der Hauptpersonen und deren Lebenssituation. Um besser in die jeweils gezeigte Kultur eintauchen zu können, werden alle Filme in Originalsprache gezeigt und deutsch sensibel eingesprochen. So verbleibt die Sprache als Teil der jeweiligen kulturellen Identität und formt die agierenden Personen wie eine zweite Haut.

„Wie stehen wir zu Genrefilmen, zum Sinn von Gewaltdarstellungen, zu den gezeigten  Geschlechterrollen oder zur Gattung und Altersempfehlung?“ Diese Fragen müssen immer wieder von Neuem bei der Suche nach dem nächstjährigen Festivalfilmprogramm beantwortet werden.

 

Die historische Dimension des Genres wird jedes Jahr mit Beispielen aus der Filmgeschichte bzw. aus der Geschichte des Festivals mit Kinderfilmen bekannter Regisseure ausgelotet. Dabei wird auffällig, dass manche veralten, andere lebendig bleiben. Oft abgeschwächt wird dieser Alterungsprozess durch ein in Erinnerung gebliebenes Kinoerlebnis, wie zum Beispiel, wenn man den Film mit geliebten Menschen erlebt hat. Louis Malle, Claude Miller oder Manoel de Oliveira, bekannte Namen für Arthousefilm-LiebhaberInnen, verweisen im Programm punktuell auf die kreativen Etappen des Genres. Rasche Veränderung in Musik, Mode oder Dekor führen zu ästhetischen „Falten“bildungen. Formen des Stummfilms, wie Pinocchio (1911), vermitteln ein Bewusstsein von der Genese des Mediums und unterstützen eine nicht alltägliche Entschleunigung im Sehen und Hören.

 

Taina, Kennerin der Geheimnisse des Dschungels, blickt uns vor dem schwarzen Hintergrund selbstbewusst entgegen, während Ikingut auf einer Eisscholle in ein Dorf voll Geister und Fremdenfeinde gespült wird. An ihren Gesichtern lassen sich ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Erwachsenenwelt ablesen.
Tainah – Abenteuer am Amazonas / Taina – Uma aventura na Amazonia (Tania Lamarca, Sergio Bloch, Brasilien 2001); Ikingut (Gisli Snaer Erlingson, Island, Norwegen, Dänemark 2000)

 

Pate für die ständige Evaluierung und Nachjustierung des Festivals stand nicht zuletzt Bruno Latours  „Actor Network Theory“ (1997), die die notwendige Bedeutung der gleichwertigen Vernetzung von subjektiven und objektiven Faktoren bei erfolgreichen Projekten aktualisiert. Im konkreten Falle heißt das für uns, die zu oft abseitsstehende Filmberichterstattung zu animieren, Präsentationsereignisse wie Einladungen von KinderschauspielerInnen zu kreieren, Kooperationen mit bestehenden Theatern, themenzentrierte Literaturlesungen, generationsübergreifende Diskussionen, sei es mit cinephilen Erwachsenen, sei es in Schulen, oder neue unterschiedliche Publikumsgemeinschaften zu initiieren. Dazu gehört tendenziell auch eine Dezentralisierung und damit die Suche nach neuen Festivalkinos außerhalb des Wiener Gürtels und eine Erweiterung in enger Kooperation mit Kinos in den Bundesländern. Das „beste“ Festival ist jenes, das auch über die Festivalzeit hinaus inhaltlich und für das Publikum, das ja diese Veranstaltungen mit Steuergeldern finanziert, wirken kann.

 

Spaß eines aufgeweckten Mädchens. Aus diesem Bild ist die Leichtigkeit der Inszenierung abzulesen. Gleichzeitig bringt es neue Perspektiven der Geschlechterrollen ein, auch wenn es im Moment des Screenshots den beiden jungen Männern nicht so gut dabei zu gehen scheint.
Hilfe, ich bin ein Junge (Oliver Dommenget, Deutschland 2001)

 

Porträts – Kinder der Welt

Auf offene Schlüsse, auf  differenzierte Personencharakterisierung und auf filmspezifische optische und akustische Sprache wird besonders wert gelegt. Die gezeigte Welt wird in ihrer Kausalität durch das Wissen und die Perspektive der HauptdarstellerInnen nachempfunden und begreifbar gemacht. Am aktuellen Zeitgeschehen sich orientierende Filmerzählungen oder zeitlose Parabeln über allgemeine Lebensfragen, die nicht nur Kinder bewegen, stellen diese aufregende Mischung an Welterfahrung dar.

Das Publikum kann Menschen aus unterschiedlichen Weltgegenden kennen lernen. Bei der Auswahl fällt immer wieder auf, dass bestimmte Themen, wie das Kennenlernen anderer Kulturen, in aufeinander folgenden Jahren konzentriert vorkommen und dann wieder aus dem Interesse der Filmproduzierenden verschwinden.

 

In den neunziger Jahren begegnen uns durch die Auswahl und Kadrierung der Erzählmotive Produktionen, die „das Kleingedruckte, das in den wirklichen Verhältnissen steckt“ (Alexander Kluge), hervor zu heben wissen. Beispiele kommen vor allem aus dem Iran wie  Der Krug / Khomreh (Ebrahim Forouzesh, 1993), eine Wanderung vom Land in die Stadt, oder Ein Sack Reis / Kiseye Berendj (Mohammed-Ali Talebi, 1996), eine Irrfahrt durch die Großstadt. Beide Filme werden aus der Sicht der Kinder zu abenteuerlichen Erlebnissen, die durch den detailreichen und akribischen Inszenierungsstil an Spannung gewinnen – etwas, das wir als Festival unterstützen: die Welt mit der Logik und dem Wissen der Kinder erkennen und einschätzen zu können.

 

Der Lichteinfall durch die Zweige der Bäume erzeugt eine flirrende impressionistische Atmosphäre, in der sich Shana und ihr Begleiter sichtlich miteinander wohl fühlen. Durch die Geräusche der Natur findet sie zu einer ihr eigenen Musik auf der Waldgeige.
Shana – The Wolf`s Music (Nino Jacusso, Schweiz / Kanada 2014)

 

Filme für kleine und große Menschen

Neben den einzigartigen Erlebnisfaktoren große Leinwand und ausgeklügelter Raumton liegt die große Kraft der Kinoerzählung in der Phantasie des Publikums, wodurch Geschichten trotz detailgetreuem Naturalismus in der Möglichkeitsform, „was könnte sein, wenn,“ folgenlos imaginiert werden können. – „Wer von uns hat sich nicht schon einmal gewünscht, jemand anderer sein zu können,“ fragte sich die Kinderjury beim Film  Hilfe, ich bin ein Junge (Oliver Dommenget, 2001). Special Effects, mit denen man an der Vorstellungswelt von Emma und Micky teilnehmen kann, werden hier als Erweiterung und Vertiefung des Themas, Geschlechterrollentausch, inhaltlich aufgeladen. Aber auch durch einen unmerkbaren Wechsel zwischen der sozialen Wirklichkeit und Traumbildern, die etwa in Shana – The Wolf`s Music (Nino Jacusso, Schweiz/Kanada, 2014) aus dem kulturellen Kosmos, der indianischen Naturerfahrung der Hauptperson genommen sind, kann eine geheimnisvolle und für uns unbekannte Spannung entstehen.

Wie die genannten Beispiele anschaulich zeigen, ist der Kinderfilm ein Abbild der allgemeinen Auseinandersetzung um die Grenzen und Möglichkeiten bildlich-optischer Erzählung und über die Zukunft des Kinos als Erlebnisraum, für das ja diese Produktionen mit all ihrer Sinnlichkeit gemacht werden.

 

“Der ist ja behindert“, ein Kommentar nach dem Film. Erst im Für-und-Wider im Gespräch eröffnen sich die vielfachen Ausdrucksmöglichkeiten dieser großen Augen, in denen sich das Schicksal des Helden widerspiegeln kann. – „Mehr Wissen macht mehr Spaß!“
Mein Leben als Zucchini / Ma vie de Courgette (Claude Barras, Schweiz, Frankreich, 2016)

 

Im Namen der tausenden angeregten ZuschauerInnen in Wien und in anderen Bundesländern (manche kommen bereits wieder mit ihren eigenen Kindern zum Festival), und im Namen aller bei der Auswahl und Organisation Beteiligten, erlaube ich mir zu sagen: „Wenn es das Festival nicht gäbe, müsste man es erfinden!“

 

 

Franz Grafl, Theater- und Politikwissenschafter, Mitarbeiter des Kinderfilmfestivals.

Zuletzt veröffentlichte er „Imaginiertes Österreich im internationalen Film. Erzählung und Diskurs“. Vandenhoeck & Ruprecht / Böhlau Verlag 2017