Wien
14. – 22. November 2020
14. – 22. November 2020
CINE CENTER  |  CINEMAGIC  |  VOTIV KINO

ZUM UNSICHTBAREN IM FILM

„Ich konzipiere Musik und Film annähernd gleich. Ohne den Rhythmus zu stören, kann man weder den Projektor noch den Musiker unterbrechen.“ (Jarmusch, Revue du cinéma, 1986).

„Die Musik sickert gedanklich und emotional ins Unterbewusstsein (…).“ (Kubrick, La musica nel film, 1982).

Der französische Filmautor Godard sieht Bild und Ton gleichwertig, manchmal ist ihm der Ton sogar wichtiger.  

 

Mag sein, dass sich nicht alle AutorInnen so viele Gedanken machen wie Jim Jarmusch, Stanley Kubrick oder Jean Luc Godard, aber in jedem der diesjährigen Festivalfilme ist ein ganz bestimmter Umgang mit Ton, im Speziellen mit Musik, hörbar, der die Erzählung mitprägt und Emotionen in Erinnerung hält. Musik ist Teil unseres Lebens, indem wir aktive oder unfreiwillige MithörerIn oder praktizierende MusikerIn sind.

 

 

Verstärker

 

Dass in Animationsfilmen wie Pelle ohne Schwanz oder in den Beiträgen des Kurzfilmprogramms besonders auffällig die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Musiken zu erleben sind, könnte man vermuten, da diese Kurzfilme verdichtete oder außerhalb der Realität stehende Geschichten erzählen wollen. Kleine Bewegungen, Pelle senkt verzweifelt den Kopf, aber auch große Verfolgungsjagden werden lautmalend direkt kommentiert. Selbst innere Spannungen Pelles, weil er sich zum Beispiel vor der Dunkelheit ängstigt, werden musikalisch – durch gleichbleibenden tiefen Ton – untermalt, bzw. durch atonales Geigenspiel ins Akustische vergrößert. Im Gegensatz zu einem Realfilm bleibt in diesem Falle die zur Musik beigefügte atmosphärische Tonumgebung, Straßen- oder Naturgeräusche, und die damit ermöglichte örtliche Orientierung ausgespart, wodurch das gegenüber der Realität Unwirkliche dieses Erzählstils unterstrichen wird.

 

Pelle ohne Schwanz / Pelle Svanslös (R: Christian Ryltenius, Schweden 2020)

 

Ein tödlich Verunfallter hilft seinem Bruder, Ein ganzer Kerl (Filmtitel) zu werden. Wenn sich die beiden Brüder im Park für immer voneinander verabschieden, steigert sich die sentimentale Melodie, wobei gleichzeitig das parallel hörbare Vogelgezwitscher und die vereinzelten Kinderrufe abnehmen. Die Kamera, und damit wir, verbleibt unbeweglich am vorgegebenen Beobachtungsort. Nach den ersten Abspanntiteln schwenkt die Musikuntermalung um. Wie als abschließendes Resümee wird mit männlicher Stimme das Lied „When the night is coming“ a cappella angestimmt, um dann in einen Chor und Instrumentalmusik über zu gehen.

 

Ein ganzer Kerl / Un vrai bonhomme (R: Benjamin Parent, Frankreich 2019)

 

Illustrierend im ersten und bedeutungstragend im zweiten Beispiel kann bei genauerem Hinhören die Verwendung von Musik unterschieden werden. In H steht für Happiness wird zusätzlich das direkte Ein und Aus von atmosphärischen Tönen, die die feinen verhaltenen Klaviertöne unterbrechen, als erzählerisch-dramaturgisches Mittel gesetzt. Mutter und Tochter blicken von den Stufen des Hauses in den Sternenhimmel. Plötzlich wird diese vom Klavier getragene Innigkeit von Küchengeschirrgeklirre innerhalb des Hauses aufgeschreckt. Beide kehren ungewollt in den Alltag zurück.

 

H steht für Happiness / H is for Happiness (R: John Sheedy, Australien 2019)

 

Kleben

 

Könnte man zwar annehmen, dass im dystopisch-utopisch gegenwärtig so aktuellen  Der Club der hässlichen Kinder auch auf der musikalischen Ebene neue Formen zwischen optischer und auditiver Ebene zu erkennen wären, bleibt die Musik jedoch am Bild kleben. Sie wird eher wieder zu einem Echo des Bildes, nicht unähnlich wie in Pelle ohne Schwanz, indem sie das Ereignis in ihrer Spannung verstärkt und Gefühle intensiviert. Ein zweites Kleben am Bild wird in zwei Passagen sichtbar. In der ersten werden verschiedene Orte, TV-Studio und Privatzimmer, aber auch verschiedene interviewte Personen oder mehrere gleichzeitige Monitorbilder mit derselben orchestralen Musik verbunden, um die einheitliche  inhaltliche und örtliche Zusammenschau zu bekräftigen. Chion (1998), einer der ersten, der sich zu Ton / Musik und Film strukturiert Gedanken machte, nennt diese Montage das „Animieren“ von Bild durch Ton.  

 

Der Club der hässlichen Kinder / De Club van Lelijke Kinderen (R: Jonathan Elbers, Niederlande 2019)

 

Zukünftiges

 

Das Gegenteil vom Kleben der Musik am Bild stellen Filmpassagen dar, in denen zum Beispiel ein körperlicher oder psychischer Konflikt, Kampf und Auseinandersetzung, inszeniert werden, aber auf der musikalischen Ebene bereits durch entsprechende Instrumentalisierung, durch Melodie, Tonalität  oder Rhythmus  Lösung und Optimismus dieser vielleicht aussichtslos erscheinenden Situationen vermittelt wird.  Im übertragenen weiterführenden Sinn drückt die bekannte Zeile Hölderlins „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ sinnbildlich Chions „Vektorisierung“ aus, mit dem er die auf Bild und Ton unterschiedlichen Situationsbeschreibungen zusammenfasst. In dieser multikanaligen Ästhetik bei Bild und Musik zu denken, stellt, da diese selten vorkommt, eine immer wieder neue Herausforderung für die AutorInnen dar.

 

Auch im vorliegenden Festivalprogramm findet sich – in abgeschwächter Form – nur in einem Beispiel, in Die Wölfe, im Abspann, wo die beiden Kinder mit ihrer Mutter starr in die Kamera blicken, bereits eine ungewöhnliche sich von der Erzählung entfernende Darstellungsweise. Die Kamera und der Ton, ein versöhnliches spanisches Lied, werden durch ein Klicken auf schwarz bzw. auf stumm geschaltet. Dadurch werden wir aus der Erzählung gerissen. Es wird uns bewusst, dass die in Die Wölfe gezeigten Alltagsfragmente nur ein Blick aus dem Fenster in eine andere Welt gewesen sind. Es sind nicht die großen spektakulären Momente, sondern die wie nebenbei gestalteten Tonänderungen, die die feinen künstlerischen Ton-Bildverhältnisse bestimmen.

 

Die Wölfe / Los lobos (R: Samuel Kishi Leopo, Mexiko 2019)

 

Abwesenheit von Ton

 

Nur wenige Exemplare aus der Filmgeschichte sind bekannt, zuletzt A Silent voice, 2016, oder als Horrorvariante A Quiet Place, 2018, die nachdrücklich das Fehlen von Ton im Alltag thematisieren. Ein neues Beispiel dafür ist der Film Unsound – Ungehört. Eng an den gehörlosen Hauptcharakter Finn gebunden, tauchen wir in seinen Tagesablauf und seine Verliebtheit ein. Den Kopf an die Brust seines Freundes gelegt spürt er den Rhythmus von dessen Gitarrenspiel. Ein übersteuerter Ton in der Disco stört ihn im Gegensatz zu seinen Freunden natürlich auch wenig. Durch solche bildhaften Episoden kann sprachlos sein Zugang zum Alltag beschrieben werden. Die notwendige Zeichensprachenbarriere lähmt vorerst den Fortgang der Erzählung, um schließlich als zu akzeptierender Rhythmus Teil dieser neuen Kinoerfahrung zu werden. Die notwendige Langsamkeit lässt uns unmittelbar in der Beobachtung genauer werden und das Leben Finns wert schätzen zu lernen.

 

Unsound (R: Ian Watson, Australien 2019)

 

Abspann

 

Gitarrenklang am Ende von Fourmi – Von Liebe und Lügen geht in „Alphabet Song“ über. Eine beschwingte und freundliche helle Stimme lässt die Gitarrenklänge zurücktreten. „Walking on sunshine“, rhythmisch vorwärtstreibendes Schlagzeug und ein Lied, das die Zufriedenheit und die Lust am Leben ausdrückt, erklingt am Ende von H steht für Happiness. In den meisten Fällen bleibt die Abspannmusik ein Teil der Filmerzählung. Im idealen Falle lehnt man sich zurück, um sich an Szenen zu erinnern, die gefallen oder berührt haben, und lässt die Namen und Funktionen der Mitwirkenden vorbei ziehen, die uns diesen Film geschenkt haben. Diese ideale Publikumshaltung mag nicht unähnlich einer Theateraufführung sein, bei der man den SchauspielerInnen dankend applaudiert. Im schlechten Fall geht die Musik während des Abspanns sinnentleerend, oft die gesehene Erzählung konterkarierend in eine nichtssagende Hintergrundmusik über, nicht unähnlich der Berieselung im Supermarkt.

 

Fourmi – Von Liebe und Lügen / Fourmi (R: Julien Rappeneau, Frankreich 2019)

 

Nichts ist leichter als sich mit Kindern über Musik und über deren Bedeutung im Film zu unterhalten. Archetypen von musikalischer Begleitung und deren Wirkung auf Gefühle wie Verliebtheit, Angst, etc. sind ja erfühlbar und bekannt und deshalb umso leichter beschreibbar. Auf dieses allgemeine Wissen aufbauend kann auf nicht so leicht erkennbare Formen und Bedeutungen hingewiesen und darauf eingegangen werden, wie „Animation – Zusammenfügen“ oder „Vektorisierung – Weiterführung“,  mit dem Ziele, die differenzierte Verwendung von Bild und Ton gemeinsam altersadäquat zu erfahren, um die Lust am filmischen Erzählen und dessen differenzierten Möglichkeiten aufzufrischen.  – Mehr Wissen macht mehr Spaß!

 

 

Dr. Franz Grafl,

Theater- und Politikwissenschafter, Mitarbeiter des Kinderfilmfestivals.

 

 

Der Beitrag erscheint in der Novemberausgabe des RAY-Filmmagazins.